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174 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
eingeführt, die sich als Intellektueller im Kreise der Ungebildeten schon sprachlich ab-
hebt und von den Bauern dementsprechend auch eine Beachtung der sozialen Distanz
einfordert:
1Veichtl.
HerrSchul-Maister /möchtdichgernbittenumbwas/
Versprichdirs /diß ichdichsumbsunst thainnit laß/
IchschickeinJahr längermeinBuebmdir ind'Schul/
Undgibauchihmnochmit seinaignenLaihn-Stuhl.
2Schul-Maister.
KeinWunder ists /daßschlechtmiteuernBuembgeht/
Weil ebenseinVatternitmehrerversteht/
Wannihr ihnzu lehrnennursovilverstund/
DaßerseinenSchul-Maister irrizenkund.
1,4 Laihn-Stuhl]Lehnstuhl2,4 irrizen]mit ihr` (2.Pers.Pl.) ansprechen
In Anknüpfung und Erweiterung des ersten Teils erfolgt nun die unverständige Schil-
derung der Taufzeremonien en détail, die zwei beliebte Muster der alpenländischen
Volksliteratur aufgreift: das Bauer-im-Himmel-Motiv und die Anbetung des göttlichen
Kinds. Literarisch durchaus geschickt wird hier also der absolutistischer Repräsenta-
tion immer innewohnende Transzendenz-Immanenz-Abgleich bzw. die Verankerung
derweltlichenOrdnungimNuminoseninsKomischeaufgelöst.DiestrukturelleParalle-
lität repräsentativen Handelns im säkularen und profanen Bereich wird zur komplexen
Pointe, wenn Veichtl die Pracht des hö schen Zeremoniells im Rittersaal der Hofburg
und die zufällig beobachteten Taufrituale als Jenseitserfahrung deutet: Er hält Soldaten
für die himmlische Heerschar, sieht im päpstlichen Nuntius, der das Sakrament spen-
det, den Hl. Nikolaus, identi ziert Ordensritter als die vierzehn Nothelfer, den Chor
als singende Engel und die Fanfaren als Ankündigung des Jüngsten Gerichts. Auch das
Taufritual ( Der Nicola nämb Ihn / und waschet ihms Kapl / Mir hat recht erbarmet /
das arme gut Läpl ) und der Ritterschlag ( Er wär auch nit faul / und hauet bräff zu /
Ichdencketmirhaimblä:JetzthelfftdäGOtt!Bue 10)werdeninlächerlicherVerzerrung
geschildert, ehe in der Huldigung des Erbprinzen mit den bekannten alpenländischen
Weihnachtstopoi die Engführung von weltlicher und geistlicher Heilsbotschaft auf die
Spitzegetriebenwird:
20
Sie thätennacheinanderzumKinddarnachtretten,
MitbogenenKnyen/dortgleichsambanbetten;
Wannichnitwüst /daßnur istain GOttallein,
IchglaubetderPrintzmüstäneuer GOttseyn.
21
Kradgählinghatsang'fangtzurumpeln/undknalln/
AlswärschondemHimmelderBodeneing'fahln;
IchhieltmichsovestdarobenandasThürG'schwöll/
Damit ichnitp umpfet inAbgrundderHöll.
10 Ebda., f. 2r.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen