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196 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
Doch auch die Gegenseite rechtfertigte mit der edlen Abstammung das angestammte
Thronrecht.AlsdieTruppenderKaisertochterMariaTheresia1742Pragwiedererober-
ten,wosicheinJahrzuvorKarlAlbrechtzumKönigausrufenundhuldigenhatte lassen,
war es wichtig, die Wiederherstellung der Ordnung entsprechend zu kommunizieren.
GekröntkonntederWittelsbachernichtwerden,dadieböhmischenKrönungsinsignien
rechtzeitig nach Wien geschafft worden waren. Mit einer prächtigen Krönungszeremo-
nie wollte nun die verärgerte Habsburgerin den untreuen Böhmen ihren Herrschafts-
anspruch unmissverständlich klarmachen. Dass sie die Wenzelskrone in einem Billett
an den Hofkanzler Philipp Joseph Graf Kinsky despektierlich als Narrenhäubel 50 ti-
tuliert, ist unmissverständliches Zeichen ihres Unmuts. Nach außen hin aber sollte das
Bild der fürsorglichen Landesmutter transportiert werden, zumal bei den bäuerlichen
Unterschichten, die Karl Albrecht mit Zusagen wie der Aufhebung der Leibeigenschaft
gegen die österreichische Herrschaft aufwiegeln wollte.51 Um ihnen die alte neue Herr-
schaft wieder schmackhaft zu machen, setzte die Propaganda auch hier auf die bereits
bekanntenBildervonGratisverköstigungundGeld fürdienotleidendeBevölkerung:
1
LUstibin ich immerzu,
ichsagdirsUrberlmeiBue,
wasNeuswill idir sagen,
wassichhatzugetragen,
zuPragmercknuraufbehend,
dorthabensdieKönigincrönt. 2
Weil siekommtvonKaysers-Stamm,
sogebührt ihrauchdieCron,
sieheißtTheresiä,
GOttwirdsie seegnenä,
daßsie ihreLänderb'schutzt,
undall ihrenFeindenbiet trutz.
3
JaBueGnadistmirgschehen,
daßidiCrönunghabgsehen,
hatmirdasHertzgelacht,
wieshabnäMusigmacht,
hättensmird'Königingeben,
ihättmit ihr tantzt fürmeinLeben. 4
Dashatmiänochsogfreut,
GeldhabensgantzHändvoll auskeyt,
habnjarechtgräfftundgschlagen,
ihabwöllensmehrerhaben,
hondencktes thätmirschonnoth,
habschonädreyTagkeinBrod.
5
EinWein liessensäabrinnä,
undichhabkein fangäkönnä,
weil ichkeinKrueghabghabt,
hab iumbmeinHüttldapt,
undhabmirgfangenädrein,
möchtbeyeinMäßlgwest seyn. 6
Jetzt schrey ichhe juhesasä,
äGeldhaniundeinWeinä,
bin lustiguterDing,
soll lebendieKönigin,
wünsch ihrdenGöttlichenSeegen,
denihr GOttselberwirdgeben.
50 Alfred von Arneth: Maria Theresia's erste Regierungsjahre. Bd.2: 1742 1744. Wien: Braunmüller 1864,
S.246.
51 Vgl.BertoldBretholz:GeschichteBöhmensundMährens.Bd.3:DreißigjährigerKriegundWiederaufbau
bis1792.Reichenberg:Sollor1924,S.135.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen