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250 LAND- UND STADTLEBEN
ImAllgemeinenwirdmundartlichesSprecheninderbairisch-österreichischenLiteratur
vor 1800 mit bäurischem` Sprechen identi ziert. Schon die frühesten Beispiele neh-
men ihre Protagonisten aus der Bauernschicht, deren Alltagssorgen und -nöte je nach
StandpunktundIntentioneherrealistischoderkarikierendinsBildgesetztwerden.Zu-
nächst sind beide Aspekte Mitgefühl heischende Klage sowie Spott zur Unterhaltung
und Disziplinierung zumeist miteinander verbrämt. Neben die Darstellung klischee-
hafter Verhaltensformen der Dörfler wie Raufsucht, Trinkfreudigkeit, Unzivilisiertheit
oder Engstirnigkeit tritt schon in den frühen Bauernklagen ein weitgehend ungebro-
chenes Lamento über ungerechtfertigte Abgaben, Dienste und Unterdrückung, wie sie
inweitenTeilendesalpenländischenGebietszu ndenwaren.Vielesdavonwirddurch-
aus wirklichkeitsnah angesprochen, doch gehören scherzhafte Töne und die topische
Sehnsucht nach dem sündhaft-lächerlichen Ordo-Bruch noch lange zum Inventar der
gängigen Bauernklagen. Erst bei späteren Beispielen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts
verliert sich der spöttische Duktus ein Spott, der natürlich in den beliebten Bauern-
scheltenverabsolutiertwird,aberselbst imgedichtetenBauernlobhäu gzuvernehmen
ist.VielleichtwarendieseLoblieder,diesichwieWiderrufederBauernklagenlesenund
Standesstolzsuggerierensollten,gleichfallsgezieltvondenObrigkeitenlanciert,umden
Sozialfriedenzuwahren.
Positive Aspekte des bodenständigen Lebens in den Bauernlobliedern werden zu-
meist im Kontrast zum urbanen Leben vermittelt, dessen Konventionen den grund-
legenden Bedürfnissen zuwiderliefen. Zu den Hauptangriffspunkten der dialektalen
Stadtpolemiken gehören Neuerungswut und Modetorheiten, Bildungs- und Repräsen-
tationszwang, aber auch die grotesken Auswüchse der Affektkontrolle. Das unverbil-
dete bäurische Verhalten wird im Kontrast dazu zum Ausdruck der Natürlichkeit und
Aufrichtigkeit umgedeutet. Standeslieder für Berufsgruppen, die aus der komischen
Abwertung des Fremden (oft auch wieder ironisch gebrochene) identitäre Pro le kon-
struieren, sind in der Dialektkunst häu g anzutreffen. Ob auf Binder, Weber, Schneider
oder auch Lumpensammler und Fiakerfahrer gemünzt, stehen diese Lieder in ihrem
scherzhaften Ton der Typenkomik des Theaters nahe, wo sie denn auch häu g entstan-
den, um dann im Volksgesang aufzugehen. Von der Geräuschkulisse des städtischen
Alltagslebens ließen sich die beliebten Kaufruf-Quodlibets und
Tändlmarkt`-Musiken
inspirieren; Stadtimpressionen vermitteln auch viele Singspiele, Dialogszenen oder die
äußerstbeliebten,überBrief ktionvermitteltenStadtsatiren,diedasurbaneVolksleben
aus dem naiven Blick eines Landmannes bis zur Kenntlichkeit karikierend nachzeich-
nen.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen