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280 LAND- UND STADTLEBEN
rerei hintert hendt ist gstandten] geschehen, zugestoßen ist Mitichä] Mittwoch Zäll] wohl Zell an der Pram
Kreschvrschl] Ursula Kresch khat] gehabt Schuelenzen] Lenz Schuh khemä] gekommen homä] haben wir
ä säßl] so khröt] geredet Ehat] zunächst frinkhet] Redlichkeit in dendl mährn] während dieses Gesprächs
höckhing] wohl Höcking im Innviertel ä halbs brat kat] ein halbes gebracht gehabt: jem.
eines bringen` ist
eine Aufforderung, aus dem dargebotenen Krug zu trinken, die man will man nicht unhöflich sein mit
einemSegenerwidertundannimmtrödlä]redlichbschaidttho]Bescheidgetan:dieEinladungangenommen
hoßvostatt]habeessofortgspan]KameradenZemmelBastl]SebastianSemmeloßwönkhnichts löz]eben-
sowenigSchlechtesoßIrnit]wieIhrbsargtkat]befürchtetsait] sagtgsengskeinschöllmänit]nimmtesvon
keinem Lumpen an keit]
wirft`: annimmt, kümmert lät] legt`: hängt an oy selbm Zorn tho het] euch selbst
erzürnt hätte kert] gehört hon] habe tho kat] getan lät] liegt baidt] beide frinklhä] redlich akhrefediern]
latinisierende Verballhornung runder mo] anständiger Mann nä] nden gsteift wiern] ordentlich wehren
zeuserwünckhl]zuAußerwinkel (Ortsname) tanzbobm]Tanzbodenakrämbt]abgeräumtäantiwarn]auch
missgelaunt, ärgerlich geworden prozn sakh] Schimpfwort (Protz: Kröte) Peaußhafftig] boshaft, wütend dä
lein] erleiden tenkhn feistling] linken Faust schadernakh] Winterhut d'Zill] ? (besonders hart, übermäßig?)
erm narsch] ihm den Arsch schnaiter] großes Messer zu än lautern hodern] zu einem bloßen Fetzen stat]
still d'prozenwerch] die Schererei Peitlpue] Schimpfwort anander ghangen] zusammengeholfen mirg] So-
fortkorrektur,wohlzu mi`bleaut]verbläutahibeoust]runtergeworfenglifä]gelaufenmitvrläz'khrödn]mit
Verlaub zu sprechen pindenger] Schrei (?) dlot] glatt, direkt öhel] drüben lackhä] Pfütze saufaltä] Schweine-
gatterafftn]dann inschuß]sofortdätap]erwischeZueggetnpengl]PrügelmitZackend'wampn]denBauch
gschnaun] schnaufen verdleimz] gestöhnt ( gleimazen`) d'höpin] die Kröte z'fachtign] voraus, zuvor Eeaur]
Ohren ä der mit] in der Mitte d'lät] gelegt d'liefä] gelaufen weaut] ? bei golschn] Fluchwort (?) Z'ggrat] zu
hurtig, geschwind ohi peaust] runtergestoßen schergn deperl] Gerichtsbüttel Deperl (Spottwort) zeaucht]
zieht in d'halßscheissn] Halseisen, Halsfessel nächstn] kürzlich aufm Semelwastl ghangä] Zum Semmel-
Wastl gehalten d'luckhn all verzänt] die Auswege versperrt auf alle pläzn zue d'lät] seinem Geheule Glau-
ben geschenkt (?) bauchs bebm] in Bausch und Bogen? ausgleglibt] auseinandergenommen, fertiggemacht
keichn] Kerker baid redner vnd da schiedt] sowohl Prozess und Schiedsspruch hanhen] henken vnkheit]
unberührt,ungeschoren ääzwen]auchfürzwei hönkh]Honig sötlenleusen] solchen
Vielleichtnochälteralsdiese Bauernklagen` sinddiefrühendialektalenVerarbeitungen
des Bauer inderKirche`-Motivs,woeinsoebenausKircheoderStadtZurückgekehrter
einem daheimgebliebenen Konterpart seine einfältigen Eindrücke schildert. Die naiven
Ausdeutungen des Gesehenen dienen dabei weniger der Verspottung des
tumben Tors`
als der Erheiterung des Publikums, das von der rührenden Unbedarftheit des Sprechers
eingenommenwird.Denndieserdeutetsichdas ihmunverständlicheRitual,die liturgi-
schen Zeremonien, vor allem aber die musikalischen Einlagen und das Faszinosum der
großen Kirchenorgel in den engen Parametern seines Erfahrungshorizonts unterhalt-
sam falsch aus. So wird der Taktstock des Regens chori als bedrohliche Waffe oder die
karitative Kollekte als Trinkgeld für die erschöpften Sänger verstanden. Manche dieser
Bauerngespräche` sind monologisch gestaltet, doch wird durch die Vergegenwärtigung
des lauschenden Gesprächspartners stets das Bild einer dialogischen Szenerie evoziert.
Dies erfolgt mit konventionalisierten Floskeln, die das aufmerksame Zuhören einfor-
dern,denWahrheitsgehaltbeteuernoderdasBedauern,dassdasGegenübernichtselbst
vorOrtwar,äußern.
Das früheste erhaltene Beispiel ist Vatter I mueß dir wunder sagn, ein um die Mitte
des 17. Jahrhunderts entstandenes Lied, das uns in der Handschrift des Andreas Mayr
erstmals vorliegt.48 Da es in der älteren Forschung bereits mehrfach ediert und analy-
48 Eine etwas jüngere Fassung hat sich im vermutlich aus Regensburg stammenden Cod. germ. 5495 der
Bayerischen Staatsbibliothek erhalten. Hartmann geht von einer älteren, umfangreicheren Urfassung aus
und verweist auf Schmeller, der das Gedicht offenbar nach einer anderen allerdings nicht eruierbaren
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen