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298 LAND- UND STADTLEBEN
EinenbesonderenReizhatten rustikale`EinlagenaufdemTheater,wennsieausKinder-
mund zu hören waren wie in den um die Jahrhundertmitte reüssierenden professionel-
len Kindertheatertruppen. Mit der altersungemäßen Kunstfertigkeit in Spiel, Tanz und
Gesang und launig-naiven Imitationen der Erwachsenenwelt wussten die juvenilen En-
semblesdaszeitgenössischePublikumzubegeistern. InKurz-BernardonsKinderpanto-
mimeArleckin,derglücklichgewordeneBrautigam(1756)etwamit ihrengenretypischen
rasendenRollenwechselnverkörpertedieneunjährigeTochterdesAutors,AntoniaKur-
zin,dieSoubrettenrolleundkonntesichals
Tyrollerin` (alsoalsWanderhändlerin) in4
Caracteren, und 4. lustigen Arien besonders dinstinguiren 78, darunter mit dieser Ein-
lage:
LiebeLeuteschautsmian,
Obienkgefallenkan?
Bin inetägsteiftesMädl?
Soschönrund,alswieäRädl,
KurzeFüß,unddickeWädl,
FästalswieäschweineBrätl.79
2 enk]euch3 gsteiftes]hübsches,bildsauberes
Als ehemaliger Tenorist am Kärntnertortheater und somit Künstlerkollege Kurz-Ber-
nardons war auch der Passauer Hofkapellmeister Joseph Friebert (1724 1799) mit sol-
cherlei Arien bestens vertraut. Nicht umsonst ndet sich in seinem Singspiel Das Serail
(1778)eineähnlichgestalteteQuodlibetarie,dieKirchenliedincipits,Kindersprücheund
Liedeinlagen der Zeit anzitiert und aus dem sprachlichen, thematischen und musikali-
schen Kontrast komische Effekte erzielt.80 Vorgetragen wird sie in diesem Repertoire-
stück des Kindertruppen-Prinzipals Felix Berner von einer schönen Sclavinn` aus dem
Landl(Oberösterreich),einenurmiterheblicherMüheindasorientalischeSettinginte-
grierteFunktionsrolle:
OHimmel!oErde!OFeuer,LuftundWasser!
Ohät idi,wiewollt idi, ä so,ä so,ä so.
MeinVatä istäbravaMann,MeinMutta istä so:
OTod!wiebitterbistdunicht,
Wannsheißt, jetzt seyzuSterbengericht:
Auweh! ichmechtnitdenkädran,
I läffät, läffätgleidavan.
GuteNachtSchneepepperl,
Was thut jetztmeinSepperl?
AlleguteDingseynddrey,
Undwannspascht, sobleibtsdabey.
78 Eine neue Tragödie, Betitult: Bernardon Die Getreue Prinzeßin Pumphia, Und Hanns-Wurst Der ty-
rannische Tartar-Kulikan, Eine Parodie in lächerlichen Versen. Nebst einer Kinder-Pantomime, Betitult:
Arleckin/Der glücklich gewordene Bräutigam. Componirt Von Joseph Kurz, Comicus Bernardon. [o.O.,
1756],S.51.
79 Ebda., S.55. Beinah dieselben Verse nden sich bereits in der Judenhochzeit (um 1741) aus dem Umfeld
vonKurz-Bernardon.
80 Vgl. Christian Neuhuber: I bin halt ä Mädl wie ä Rädl Anmerkungen zur Figur der Sclavinn` in Frie-
berts Das Serail. In: Matthias Pernerstorfer (Hg.): Das Serail (1778) by Joseph Friebert in historical, socio-
politicalandculturalcontexts.Wien:Hollitzer2017. [imDruck].
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen