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330 LAND- UND STADTLEBEN
Beamten- und Verwaltungssprache. In der älteren Beamtenschicht freilich hatten die
NeuerungennichtuneingeschränktAnklanggefunden:
SitztaufdemSopha.Vor ihmstehteinwürdigerKonzepist.
DaschauderHerrnurwieder,wasderHerrgmachthat.Habich'snitd'nHerrnsooftgsagt,daß
man:Befehlshabere, ihmeundsoweiter schreibt? Wosinddannd'eblieben?
Konzepist. IchhabemichnachGotschedsSprachlehregehalten.
Oberbeamte. Was ist das für ein Esel, der Gotsched? G'wis ein Sonnefelsianer? Ich sag's d'n
Herrn nochmal, laß der Herr das Bücherlesen bleibn. Die Akten brav durchblättert dafür, da
kannderHerr lernen,waseinKanzley-Stylumist.Das isteinKreuzmitengjungenLeuten.Es
wärnöthigunsereiner thaterstDeutsch lernen,wenneinerengerKonzeptverstehenwill. Itzt
kann der Herr gehen, und folg der Herr mein Rath, sonst wird aus d'n Herrn in sein Lebtag
keinOberbeamter.
DerKonzipistneigt sich,denkt sichseinenTheil,undgehtzumZimmerhinaus.
NB. Dieser Waaren-Artikel ist freylich sehr ausser Mode gekommen; indessen wird er doch hie
unddanochangetrofen.157
AuchwennderDialekt indieserSzenenichtsosehrimVordergrundsteht, ister implizit
Thema,beharrtdochderalteOberbeamtenichtnuraufdemüberkommenen Kanzley-
Stylum ,sondernzeigtsichauchaußerstande,gehobenenStandardzusprechen.Bockig-
selbstbewusst bleibt er bei seinen stark dialektal gefärbten Formen und hält es nicht für
nötig,
erstDeutsch lernen zumüssen.
Im Muster eines Fleischhackers. Super Super fein zeichnet Richter ein am Ende
doch nicht gelingendes Verkaufsgespräch lustvoll nach. Sein Geschick für die Wie-
dergabe zentraler Eigen- und Feinheiten der Umgangssprache vergegenwärtigt uns das
lebhafteFeilschenzwischendemruppigenFleischhackerundderschlagfertigenKöchin
als amüsante josephinische Alltagsszene. Wie lange derartige Typen sich in der Wiener
Volkskomik hielten, belegt nicht zuletzt die Figur des jähzornigen Viktualienhändlers
VinzenzChramosta inKarlKraus'Die letztenTagederMenschheit (1922).
Fleischhacker. GrüßdiGott!Schwarzi.
Köchin. SchöngutenMorgen,HerrHansmichel.
Fleischhacker. Waswillstd'haben?
Köchin. Ein saubers Schlegerl hätt ich gern; aber etwan wieder eins, daß schon ein halbs Jahr
aufmEisg'legen ist?D'gnädigeFrauhatmichweitergesternnichtausgemacht.
Fleischhacker. Dein gnädi Frau ist nicht gscheid. Waßt d'was? Sag deiner Frau, sie soll mirs
ehender allzeit sagen lassen, was für ein Fleisch als s'will. I laß ihr ein Maler kommen, der ihr
einsmalt odereinPudel,der ihreins
Köchin. So mach der Herr Hansmichel nur, daß ich fortkomm, sonst krieg ich wieder ein Grei-
nets.
Fleischhacker. Da! langteinenSchlegelherabNitwahrdasg'rathdir?
Köchin. Gehtwohlmit.
Fleischhacker. Wartdu schlagt sieaufdenHintern.
Köchin. NichtsokeckHerrHansmichel!Undwassoll'skosten?
Fleischhacker. KeinKreizerrechterals½Thaler.
Köchin. IztgehderHerr!diesSchlegerlda?
Fleischhacker. Es ihrausderHandreissend Wenn'sengnichtrecht ist, so laßtsbleiben.
157 Richter,WienerischerMusterkarte1785, I,S.33.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen