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336 LAND- UND STADTLEBEN
müssen; das ist mir just so vorgekommen, wie, wenn man d'Schweine wägn läßt, wo man auch
für jedesPfundetwaszahlnmuß.
*)Das ist sehrvernünftig,weil sonstNiemandihreelendeMusikverlangenwürde.167
Nach dem Erfolgsmodell der Eipeldauer-Briefe gestrickt sind auch die Briefe eines
Przelautschers an seinen Herrn Schwager in Przelautsch über seinen Aufenthalt in Prag
(1795). Hier ist es ein Bauerntölpel aus Przelautsch (P
relou c bei Pardubice), der frisch-
verheiratet mit seiner Frau nach Prag kommt, um Kanzlist zu werden, und in seinen
naiv-dümmlichen Berichten nach Hause die Prager Gesellschaft, die Modeneuigkeiten,
das hiesige Beamtentum, die erotischen Eskapaden seiner Frau und das Zeitgeschehen
während der Franzosenkriege komisch gebrochen skizziert. Vom Maskenball etwa be-
richteternachHause:
Auf d'lezt is mir doch höllisch die Zeit lang worden, und da hab ich meine Frau überal g'sucht,
hab sie aber nirgends nden können; bis sie auf emal mit en jungen Herrn zum Vorzimmer, wo
ich g'sessen bin, herein spazirt kummt. Da hab ich si gleich g'fragt, wo sie denn war und warum
siesorothis;dahatmirder jungeHerrg'antwort,daßernurismit ihr imTualetzimmerg'wesen,
weil sie sich beim Tanzen hat e Bisl zerrauft g'habt; da hab ich mich halt bei ihm schön bedankt
underhat ihrdieHandgeküßtunddraufseinmerhernachnachHausgangen.Wirwärnfreilich
gern g'fahrn, aber denkens nur Herr Schwager 2 . haben die Spitzbuben die Fiaker bis auf die
Klanseiten verlangt. Zum Glück haben mer so en Bubn mit einer Latern erwischt, und der hat
uns um en Siebner ham g'leucht. Aber ang'schaut haben uns die Leut auf der Gassen, daß zwa
so schöne Maschkern zu Fuß gehn, ich hab mir aber niks draus g'macht, meine Frau aber hat
immer mit mir gezankt und hats bereut daß s'es nit ang'nommen hat, wie sie hat der junge Herr
wollen nach Haus fahren lassen, und auch beim Schlafengehn hat sie mir noch immer was von
denjungenHerrnvorgeplaudert,daßerhörichsoartig,höflichundgalantwär,undsiekannihm
auchnochjetztnitvergessen.
.] (Abk. für) Gulden Klanseiten] Kleinseite: Prager Stadtteil Siebner] Siebenkreuzer-Stück ham] heim zwa]
zwei Maschkern]Masken,kostümiertePersonen
DieBroschüre isteinraresBeispieldafür,dassauchinPragnochEndedes18. Jahrhun-
derts eine dialektal gefärbte Umgangssprache gesprochen und rezipiert wurde. Sprach-
kritischer Purismus und eine bewusste Abwendung vom österreichischen Sprachge-
brauchließenhierzwarindergebildetenOberschichteinprononciertesPragerDeutsch
entstehen, das wegen seiner weitgehend dialektfreien Aussprache als reinste deutsche
Sprechweise in der Habsburgermonarchie galt.168 Dieses gehobene Prager Deutsch
wurde allerdings nur von einer kleinen Bevölkerungsschicht gesprochen und war nie-
mals mit dem allgemeinen, volkstümlichen Prager Deutsch identisch. Die Sprache der
deutschenKleinbürgerwardasKleinseitnerDeutsch,einmittschechischerPhraseologie
in ltrierter vulgärösterreichischer Mischjargon.169 Der Autor des Werkchens ist unge-
167 Briefe eines Kakraners an seinen Herrn Vetter in Eipeldau über d'Wienerstadt. Aufgefangen, und mit
NotenherausgegebenvonPeterPlausch,einemWiener.1785,S.25 27.
168 Vgl. Christian Neuhuber/Lenka Vodrá ková: Mundartenliteratur. In: Peter Becher [u.a.] (Hg.): Prager
deutscheLiteratur imregionalenKontext.EinHandbuch.Stuttgart:Metzler2017,S.398 403,hier398.
169 Vgl. Pavel Trost: Das späte Prager Deutsch. In: Acta Universitatis Carolinae. Germanistica Pragensia II
(1962),S.31 39.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen