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340 FREMDES UND EIGENES
führlich zur Sprache kam). In beiden Fällen wird die literarische Darstellung Fremder
als Folie und Gegenbild genutzt, über die das Eigene und damit verbundene Ansprü-
cheundWerthaltungenkonturiertwerdenkönnen.Überalldort freilich,woFremdezur
Bestärkung des Eigenen dienen, wird tendenziell die Grenze zum Eigenen durchlässig.
FremdesindnichtmehrnurGegenbild,sondernkönnenzumTeildesEigenenwerden
das Gemeinsame rückt in den Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang spielt die Ver-
wendungdialektalerFormeneinezentraleRolle,dieaufverschiedenenEbenenAspekte
desEigenenwieAlltag, sozialeNäheoderauchRegionalitätausdrückenkönnen.
Nur selten in der sprachlichen Differenzierung, sondern über weit verbreitete Vor-
stellungsbilder modelliert sind die in der Dialektliteratur beliebten österreichischen
Volksstereotype,diesowohl imabwertendenalsauchimpositivenGebrauchverfestigte
GruppenzuweisungendesöffentlichenBewusstseinszumThemahaben.DasFremdeist
hierzumeistnureindemEigenennichtunvertrautes,simpli zierendesHerausstellungs-
merkmal, das es abgrenzt vom intendierten Zielpublikum. Nur zu oft tendiert freilich
die undifferenzierte Übergeneralisierung in der Unterhaltungsliteratur auch zum wer-
tenden Vorurteil, das negative affektive Einstellungen bestätigt, so etwa beim dumpfen
steirischen Raufjodel`, beim derben Salzburger Sauschneider oder beim versoffenen
oberösterreichischen Mostbauern. Besonders viele Stereotype weist interessanterweise
Tirolauf,vomheimatliebendenSchützenüberStraßenhändlerwiedenZillertalerÖlträ-
ger oder den Lemoni-Mann` bis hin zum
witzigen` Naturburschen. Eine reiche Quelle
für historische Ressentiments sind die untergrif gen Reisebeschreibungs ktionen, bei
denenEthnophaulismendieeinzelnenStationenmarkierenundinderAbwertungande-
rer Volksgruppen das eigene Umfeld implizit positiviert wird. Manche ethnonymischen
Zuordnungen sind auch heute noch gängig (z.B. der eifersüchtige Italiener, der eitle
Franzose), andere inzwischen obsolet (so etwa der
vertürkte` Ungar). Sprachgeschicht-
lich besonders interessant sind makkaronische` Figuren, in deren mündlich angeeig-
neter Umgangssprache die Muttersprache durchklingt, wie beim italienischen Tandler,
dem kroatischen Soldaten oder dem ungarischen Heubauern. Das Erstaunliche, dass
in dieser Literatur Fremde dialektal sprechen, eröffnet einen breiten, disziplinenüber-
greifenden Fragenhorizont zum rein mündlichen Spracherwerb, zum Verhältnis von
Sprachgebrauch und sozialer Stellung, zur Identitätskonstitution und Selbstinszenie-
rung. Nur selten nden sich dagegen explizite Selbstre exionen, in denen die Konsti-
tuenten des eigenen Seins unironisiert präsentiert werden. Diesen subjektiveren
Ton ndenerst spätereDialektautorenwieAntonSchosser,FranzStelzhameroderKarl
AdamKaltenbrunner.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen