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364 FREMDES UND EIGENES
1,1Liesel]ErzherzoginMariaElisabethvonHabsburg-Lothringen,streitlustigeÄbtissindesAdeligenDamen-
stifts in Innsbruck; im Volksmund wurde die korpulente, durch Pockennarben entstellte einstige Schönheit
kropferte Liesl` genannt 1,3 enk] euch 1,4 Oes] ihr 9,2 Karl] Karl von Österreich-Teschen, Oberbefehlshaber
der Reichstruppen an der Rheinfront; die Siege bei Amberg und Würzburg 1796 brachten ihm große Popula-
rität,mehrnochaberdieSchlachtbeiAspern1809,woerNapoleondieersteNiederlagezufügte
Patriotismus ist generell ein dankbares Spielfeld für die Literarisierung von verschie-
denen Volks- und Regionalstereotypen, denen wie bereits im zweiten und dritten
Kapitel gezeigt mehr oder weniger distinktive Eigenschaften zugeschrieben wurden.
PositiveReduktionenbeschworendieEinheitdesReichsverbands,deralspolitischerge-
meinsamer Nenner Heterogenes verband; negative Reduktionen schürten den Hass auf
den fremden` Gegner und legitimierten die Aggression über das Inkommensurable der
Religionen, Sprachen oder Haltungen. Ein instruktives Beispiel für propagandistische
Funktionalisierung stereotypisierter Figuren sind die
vaterländischen` Spiele wie etwa
Wenzel Blimas Der gestrige Tag (vgl. S.201), das schon im Vorwort
Thathandlungen
verspricht,
welche redende Beweise sind, wie bieder, wie patriotisch, und wie edelden-
kend die Bewohner des Erzherzogthums Oesterreich ob der Ens gegen ihren Landes-
fürsten bey allen Gelegenheiten sich auszeichnen 60. Dementsprechend schablonisiert
sinddieProtagonisten,diealsverallgemeinerndeRepräsentationender
Vaterlandsliebe`
obrigkeitlichgewünschteVerhaltensweisenvorzeigen.
Nicht weniger verkürzt, doch im Negativen, sind in derselben Zeit des Ersten Koali-
tionskriegsdieGegnerbilder.AlsdiffamierendeKontrastfoliendesEigenverständnisses,
die nationalen Hass` generieren sollen,61 greifen sie Topoi der Unmenschlichkeit auf
undskizzierenHorrorszenarien,umzumAbwehrkampfzumobilisieren.Als letztesBei-
spiel sei in diesem Zusammenhang das berühmte, vielgesungene Spingeser Schlachtlied
(1797) genannt, das als Flugschrift zirkulierte, die offensichtlich auf ein breiteres, ko-
alitionäres Publikum abzielte, versuchte man doch mit Erläuterungen allzu tirolerische
Formulierungen verständlich zu machen. Kontrafaktorisch auf die Melodie der humo-
ristischen Schwazer Predigt` Jaz wöll ma ge n heilig'n Geist singa gedichtet, prangert der
(vermutliche) Autor Franz Karl Zoller (1748 1829/39) zu Beginn die Gräueltaten der
Franzosen indrastischenBildernan:62
Jezwöll'nmärgienn'Französenzügög'ngien,
Mei,woshobn'sdenndobeyünsherinnz'thien?
Eshotsieeinärplangt(a)
Märhobensnitverlangt
SokämanjedärNarr,
FräßünsmitHautundHaar:
Dösgeatdonit, eyawohl
inTyrol
60 Blima,DergestrigeTag,S. [-4].
61 Vgl. Joep Leerssen: Nation, Volk und Vaterland zwischen Aufklärung und Romantik. In: Alexander von
Bormann(Hg.):Volk Nation Europa.ZurRomantisierungundEntromantisierungpolitischerBegriffe.
Würzburg:Königshausen&Neumann1998,S.171 178,hier172f.
62 ZurKontextualisierungundRezeptiondesLiedsvgl.Hupfauf/Erber,Liedgeschichten,S.95 117.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen