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6 BRAUCHTUM UND GESELLIGKEIT
EinweitesBetätigungsfeld fürkünstlerischeDialektverwendungbietenFormenderGe-
selligkeit und des Brauchtums, die sich schon zwischen bäuerlich-ländlichem und bür-
gerlich-urbanemBereichdeutlichunterscheidenkonntenunddarüberhinausimaristo-
kratischen Umfeld ihren ganz eigenen Ausdruck fanden. Es ist zugleich jener Bereich,
wo dialektale Kunst die deutlichsten Kontinuitätslinien aufweist; manche dieser Texte
scheinenbereits inderbeginnendenFrühenNeuzeitzuwurzelnundsindinadaptierter
Form bis heute in Verwendung.1 Erste systematischere Beschreibungen der volkskul-
turellen Unterhaltungsformen fernab der Ballungszentren nden sich gegen Ende des
18. Jahrhunderts in aufklärerischen statistischen und topographischen Darstellungen,
die teilsvonphysiokratischenTheoriengeleitet, teilsbereitsals touristischeHandhabe
gedacht bestimmteländlicheRegionenzumeistmitempirischerSorgfalt,dochsubjek-
tivem Blick und selektivem Interesse präsentierten. Die sogenannten
Volksbelustigun-
gen` derunterenSchichtendientendabeials Illustrationenderunterschiedlichen(inder
kursorischen Erfassung natürlich auch typisierten) Lebensweisen. Als genuine Sprach-
formender jeweiligenRegionfandendialektaleBrauchtumstexteschonindiesenersten
Studien besondere Beachtung. Die fundiertesten Informationen vor 1800 zu unserem
Untersuchungsbereich mit zahlreichen Beispielen aus Volksgesang und Volksdichtung
bringtderbayerischePublizistLorenzHübnerinseinerbemerkenswertendreibändigen
Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthums Salzburg (1796). Hübner schildert
das Brauchtum zu den kirchlichen Festen und Heiligen Zeiten, zu Hochzeiten und Be-
gräbnissen, Almtrieb und Freizeit, um dann das Liedreservoir der Gebirgsbevölkerung
anhand von Beispielen in drei Gruppen zu ordnen: Gstanzl, Gasslreime und
Gesänge,
die theils religiösen Inhalts sind, und geistliche Gänger genannt werden; theils, und
zwarmeistenseinenerotischenInhalt,oderauchdasWildschießen,dasAlpenleben,das
Soldatenleben, und dergleichen Gegenstände zum Stoffe haben. 2 Das 1819 im Zuge
der von Joseph Sonnleithner initiierten Sammlung eingesandte Liedmaterial aus den
Salzburger Kreisen scheint Hübners Beobachtungen in dieser Hinsicht recht gut zu be-
stätigen.3
Dass Dialekt freilich bereits im 18. Jahrhundert auch in anderen Brauchtumsbe-
reichen eine wesentliche Rolle spielt, weiß man nicht zuletzt aus den verschiedenen
Idiotika`, in denen Provinzialismen gesammelt und sprachtheoretisch
ursprüngliche`
1 Vgl. u.a. Andreas C. Bimmer: Brauchforschung. In: Rolf W. Brednich (Hg.): Grundriß der Volkskunde.
Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. Zweite, überarbeitete und erweiterte
Auflage. Berlin: Reimer 1994, S.375 395. Hinrich Siuts: Brauchtumslied. In: Rolf Wilhelm Brednich/
Lutz Röhrich/Wolfgang Suppan (Hg.): Handbuch des Volksliedes. Bd. I: Die Gattungen des Volksliedes.
München:Fink1973,S.343 362.
2 Vgl. Lorenz Hübner: Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthums Salzburg in Hinsicht auf To-
pographie und Statistik. Zweyter Band: Das Salzburgische Gebirgland. Pangau, Lungau und Pinzgau.
Salzburg:Oberer1796,392f.
3 Vgl.Haid/Hochradner,LiederundTänzeum1800.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen