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ALLGEMEINE BRAUCHTUMSTEXTE 405
AllgemeineBrauchtumstexte
Als regelmäßig wiederkehrende soziale Handlungen einer Gemeinschaft dienen Bräu-
chederKonstitution,ErhaltungundVermittlungeinesGruppengefühls.7 ImGegensatz
zu kultischen Handlungen (in denen sie oft wurzeln) sind Brauchtumsformen nicht ex-
plizit auf einen metaphysischen, höheren Endpunkt hin ausgerichtet; ihr symbolischer
Wert ist stärker lebensweltlich orientiert und bietet Orientierungsfunktion in gewissen
sich wiederholenden sozialen Situationen einer dadurch Zusammenhalt gewinnenden
Gemeinschaft. Eine wesentliche Grundlage der gemeinschaftsbildenden Traditionen,
die sich durch ein ritualisiertes, über lange Zeiträume relativ stabiles Formeninventar
ausbilden, sind textuell gestützte Kommunikationsprozesse.8 Dass bei der Ausbildung
regionaler Besonderheiten gerade auch
verfestigten` regiolektalen Formulierungen eine
besondere Bedeutung zukommt, versteht sich von selbst. Gängige Klassi zierungsmo-
delle von Brauchtumskomplexen über Jahreslauf, Lebensverankerung oder berufliche
Gruppenzugehörigkeit sindinunseremZusammenhangallerdingsnurbedingtzielfüh-
rend, da auch wenn es zahlreiche Hinweise auf den ritualisierten Einsatz dialektaler
Brauchtumstextegibt dieQuellenlagenureinenunzulänglichenEinblickindiemünd-
lichkeitszentriertePraxiserlaubt. ImFolgendensollendeswegendrei repräsentativeBe-
reiche vorgestellt werden, in denen der mundartliche Ausdruck schon vor 1800 schrift-
lich festgehalten wurde: Arbeitslieder, Ansinglieder (bzw. Glück und Segenswünsche)
und Hochzeitsdichtung. Dass viele dieser Texte und Formulierungen nach Erwachen
des ethnologischen Interesses für sprachliche Kulturgesten bei diversen Sammelunter-
nehmen des 19. und 20 Jahrhunderts in annähernd selbem oder variiertem Wortlaut
aufgezeichnet wurden, bestätigt die Stabilität ihrer sinn-, identitäts- und integrations-
stiftendenFunktionfürdie jeweiligeGruppierung.
Arbeitslieder
Lieder zur Arbeit können prinzipiell in zwei Gruppen unterteilt werden: Arbeitslieder
im eigentlichen Sinn dienen durch Rhythmussynchronisierung zur Koordination von
kraftintensivenArbeitsabläufen.9 Üblicherweisezusammengesetztauseinemzentralen,
regelmäßig wiederholten Arbeitsruf und variierbaren Zwischentexten, erleichtern sie
zum einen die monotonen, ruckweise verlaufenden Bewegungsmuster mehrerer Betei-
ligter und machen zum anderen mit unterhaltsamen Abschweifungen oder verbinden-
denKlagendiehartekörperlicheBetätigungerträglicher.BesonderesInteressehabenin
der volkskundlichen Forschung des bairisch-österreichischen Raums Lieder und Sprü-
che zum Pilotenschlagen (Einrammen von Pfählen) und Drischeldreschen gefunden.10
7 Vgl.Bimmer,Brauchforschung,S.375ff.
8 Vgl.HansBlumenberg:DieLesbarkeitderWelt.Franfurta.M.:Suhrkamp1986,S.374f.
9 Vgl.diematerialreichenUntersuchungenvonKarlBücher:ArbeitundRhythmus.5.verbesserteAu .Leip-
zig:Reinicke1919. JosefSchopp:DasdeutscheArbeitslied.Heidelberg:WinterUniversitätsverl. 1935.
10 Vgl. Karl M. Klier: Österreichische Pilotenschläger-Lieder. In: Jahrbuch des Österreichischen Volkslied-
werkes1(1952),S.19 33. Deutsch/Haid/Zeman,DasVolkslied inÖsterreich,S.67ff.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen