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406 BRAUCHTUM UND GESELLIGKEIT
Von diesen mit Schopp zu sprechen
echten` Arbeitsliedern heben sich Arbeitstakt-
liederab,dietraditionellesLiedmaterialmit(oftmalsonomatopoetischen)Zusatzversen
in charakteristischen Arbeitsrhythmen verbinden.11 Diese konnten zwar auch während
der Arbeit zur Unterhaltung und Verkürzung der Zeit gesungen werden, kamen aber
wohlvielhäu geraußerhalbderentsprechendenTätigkeitenzumEinsatz.
Von der ersten Gruppe haben sich aus dem 17. und 18. Jahrhundert in bairisch-
österreichischer Mundart einige Beispiele erhalten, allerdings nur in literarischer bzw.
musikalischer Überformung, die jedoch in einigen Fällen mit später aufgezeichneten,
tatsächlich im Arbeitsprozess eingesetzten metrorhythmischen Arbeitsliedern korre-
spondieren. Teils waren es Quodlibets, wo sich diese Alltagsgesänge bearbeitet erhalten
haben. Schon das früheste textuell überlieferte Arbeitslied aus dem österreichischen
Raum, das ebenso häu g wie falsch zitierte Vaß ziehen in Osterreych, ndet sich in
einer entsprechenden Sammlung von Melodiefragmenten, die der aus der Oberpfalz
stammende Pfarrer und in den 1540er Jahren im Wiener Schottenstift als Schul- und
Chormeister tätige Wolfgang Schmeltzl (um 1500 um 1564) 1544 veröffentlichte. Die
vierstimmige Bearbeitung weist etliche dialektale Elemente auf, die vielleicht schon be-
wusst als Unterstützung der musikalischen Deskription durch eine mündlichkeitsnahe
Form deutlich weniger sprachlich ausgeglichen wurden als in anderen vergleichbaren
Liedern. Im Folgenden ein Ausschnitt aus der Diskantstimme, der auch die authenti-
schenArbeitsrufewiedergibt:
soThomel/
leichunsherdendremel/
dasmandasvaß
rechtrucknitzuck/
sogegenknechtpuckdich
schawauffdichhaltandich/
dasvaß ligtauffdemhöhelhöhel/
schawdasesbleib/
legandieseyl/
stehtgleichan/
nuwolan inGottesnam/
ziechtallgleich/
Josehin/
Josehin/
haltvest ir liebengeselln/
haltvest.12
1 Thomel] Kurzform für Thomas (in der Bassstimme reimbedingt naheliegender
temel`] 2 leich ... her] gib,
reich her dremel] Knüppel, Prügel 5 puck] bücke 7 höhel] Hügel, Erhebung 13 Jo sehin] ja, nimm hin (Zug-
kommando, indenanderenStimmenauch Joha`bzw. hoha`)
Das stark rhythmisierende, oftmals daktylische Metrum der Arbeitslieder ist auch noch
in einer Arie eines anonymen Singspiels bewahrt geblieben, von dem lediglich die Ge-
sangseinlagen als Flugschrift überliefert sind. Die Erwähnung eines Guckkastenbilds
11 Vgl.Schopp,DasdeutscheArbeitslied.
12 [Guter/seltzamer/vñkünstreicherteutscherGesang/sonderlichettlicheKünstlicheQuodlibet/Schlacht
vñ der gleichen / mit vier oder fünff stimmen / biß her / im truck nicht gesehen.] Discant. Gedruckt zu
NuernbergdurchIo.Petreium.M.D.XLIIII, f. 73r v.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen