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502 KÖRPER UND SINNLICHKEIT
Beispiele dieser tabubrechenden Beichtparodien stammt wohl aus der Feder des Ex-Je-
suiten Aloys Blumauer. Wie schon bei Der evangelische Bauernjunge in der katholischen
KircheundPetrusundMalchusgreift erauchhiervermutlichaufeineältereVorlagezu-
rück, die er poetisch überformt und mit Provokationen gegen die Geistlichkeit zuspitzt.
Thema ist die Ohrenbeichte eines liederlichen Bauernburschen, der mit Freude am
Detail seine sexuellen Abenteuer, seine triebhaften Exzesse, seinen Widerstand gegen
Regeln und Autoritäten ganz ohne jede Spur ehrlicher Reue erzählt. Eigentliches Ziel,
das wird bald klar, ist nicht die Absolution, sondern die Brüskierung des Priesters, dem
durch das Schweigegebot die Hände gebunden sind. Dass Die Beichte auch nach ihrer
Erstedition durch Leopold Schmidt50 bislang nicht dem Gesamtwerk des bedeutenden
österreichischen Satirikers zugeschrieben wird, kann abgesehen von der unsicheren
Quellenlage auch angesichts der reihenweisen Tabubrüche nicht verwundern; die äs-
thetische Qualität und souveräne Gestaltung aber hebt das Lied ab von ähnlichen im
Volksgesangdes19. JahrhundertsaufgezeichnetenSpottbeichten.51
Der erste Teil des Lieds bewegt sich noch in einigermaßen konventionellen Bahnen
und erinnert im kaum verhohlenen Stolz des Ich auf das eigene Lotterleben an Sturms
Reumüthige Beicht (vgl. Kap.1), setzt aber auch schon erste per de Nadelstiche gegen
denBeichtvater:
1
HerrPater!Rechtan'sGadean
Mitengri langiOhren
Wenn'sösnit seitsderhelf'nkann
Sobin iengverloren. 2
SeitOstern is, jetztsgradaJahr
dasmußtsvorallenwißen
DaßidortdruntenbeimAltar
RechtausgmisthanmeinGwißen.
3
Dawar iaKerlnitKren
Sosaubergradzumfreßen
Jetztbin iaberwiederschön
InaltenDreckh'neingseßen. 4
Drumgebt'smirzumeinSeelenheil
Jetzz'erstanweng 'nSegen
Undnacherwill i 'ngrößtenTheil
Amahlaufd'Seiten fegen.
5
Hang'sündigt,wasaMenschnurkan
Nixbethnurghurtundtrunken
HandenktdiePfaffenscheiß ian
Dassandiewahr 'nHallunken. 6
MirhatdenganzenTagnixkränkt
Alsd'Menscher,WeinundKarten
UndvorderKirnhanidenkt
I laßdenLendlwarten.
7
HaninderMeßoftgelachtundg'schwäzt
Undd'Menschergrüßtwiea ledi
Hangröpaßt,g'hust,undnochaufd'letzt
Lautg'farzt inengrerPredi. 8
KanArbathatmianitg'schmeckt
Ibin inLahnstullgseßa
Hanalli vierivonmirg'streckt
Undgarnix thanalsgfreßa.52
50 Vgl. Leopold Schmidt: Ein unbekanntes Mundartgedicht Blumauers. In: Germanisch-Romanische Mo-
natsschrift 29 (1941), S.147 150. Schmidt gibt als Quelle eine aus dem ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhun-
dertsstammende,verscholleneHandschriftmitBlumauer-Gedichtenan,dieGustavGugitzeinsah;dessen
Abschrift ist auch die Grundlage des edierten Texts. Unsere Edition ist einer anderen Sammelhandschrift
entnommenundweichtorthographischundzuweilenauch lexikalischvonderFassungSchmidtsab.
51 Vgl. Emil Karl Blümml: Schottkys Volksliedernachlass. Wien: Ludwig 1912. (Quellen und Forschungen
zurdeutschenVolkskundeVII)S.6und60f.AuchdieSprachedesLiedsverweistaufeineweiterwestliche
Entstehung,alsesdiebeidenWienerHandschriftenvermuten ließen.
52 Wienbibliothek imRathaus,H.I.N.-55795,Teil2, f. 100v 101r.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen