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528 KÖRPER UND SINNLICHKEIT
Odoardo. OdudummesRindvieh!WiesolldennichmitdemHundreden?
Kaspar. NaohneSpaß!Es ist einseelenguterMenschderHund; fragensie ihnnur.
Odoardo. DieHundsspracheverstehichnicht.AberwiehatdennderChevaliereinsteigenkön-
nen?
Kaspar. Er ist halt auf's Gatter zu ebner Erd g'stiegen, da hat er sich oben an G'sims ang'halten,
undhathinaufkraxelnwollen.
Odoardo. Undwashastdenndudabeygemacht?
Kaspar. (lacht) Ich? Ich hab's gar fein g'macht. Ich hab g'schrieen, He! he! Der Herr kann sich
ja zersprageln, oder gar den Hals brechen, wann er so herumkraxelt: Was brauchts denn die
Talkereyda?WannderHerrexpressieinsteigenwill, sokannich ihmjaeineLeiterhohlen?
Dictumfactum, ichgehher,bring ihmd'Feuerleiter,undda isterganzkommodeing'stiegen.
Odoardo. Was!derFranzoshatüberNacht inmeinemHauskampirt?
Kaspar. Die Fräula Mitzerl hat ihn ja nicht hineing'lassen, und es ist ja besser, daß einer spien-
zelt, alsdaßereinKrüppelwird?
Odoardo. Habichdirnichtbefohlen,keinenMenschenin'sHauszu lassen?
Kaspar. Siehabeng'sagt;StelldichvordieThür,undlaßmirkeinenMenschenhinein,abervom
Fenster haben sie nichts gesagt; das können Sie nicht reden als ein braver Mann: und ich hab
allmeinLebtagghört,Fensterlndärfmanabernicht thürln.111
Talkerey]Dummheit expressi]vorsätzlich Dictumfactum] (lat.)gesagt,getan spienzelt] liebäugelt, irtet
Mit einer Verkleidungsintrige (der Marquis als Arzt und sein Bedienter Johann als
Odoardos Schwester) und Erpressung (die außerehelichen Liebesabsichten der Eltern
zuverraten)bekommtdasLiebespaarschließlichdochnochdieErlaubniszurHeirat.
Liebesverwirrungen mitdemgattungstypischglücklichenEnde sindauchThema
des Nachspiels Die Bauren, in dem nach Nachbarschaftsstreitigkeiten, Konkurrenz, Ei-
fersucht und Liebeshändel zwei Bauernkinder zueinander nden. Im Eingangsmono-
log beklagt Görgel seine leidige Situation: Noch unerhört hegt er den Wunsch, Ur-
schel, die Tochter des Nachbarn, zu heiraten, sieht seine Chancen allerdings mehr und
mehr schwinden, da ein militant geführter Nachbarschaftskrieg zwischen Urschels Va-
ter Jockerl und Görgels Erbonkel Bartel einer Vereinigung im Wege steht. Denn die
Opponenten begreifen die Feindschaft weniger als individuelle Causa untereinander,
sondern erheben den Zwist gleichsam zur generationenumgreifenden Familienangele-
genheit. Zudem gibt es noch den Liebeskonkurrenten Hiesel, der von der geldgierigen
alten Intrigantin Aschevettel angestachelt wird, die abweisende Urschel mit Gewalt für
sich zu gewinnen; Görgel dagegen, dem Urschel tatsächlich zugetan ist, emp ehlt sie,
die Angebetete zu vergessen, da diese ihn nur zum Narren halte, und bringt sich selbst
als Braut ins Spiel. Ein Ende gesetzt wird all dem durch einen Urteilsspruch des P e-
gers Wilhelm, der Jockerl, Bartel, Hiesel und Aschevettel drakonische Strafen auferlegt
und für Görgel und Urschel bestimmt, dass sie vermählt werden sollen. Doch da dem
unterhaltsamen Nachspiel ein solch ernsthafter Ton nicht ansteht, besteht die Buße der
zänkischenSippeletztenEndesnurimSchrecken,mitdemsiedavonkommen.Dennals
auch das jungvereinte Paar sich für eine Begnadigung der Verurteilten einsetzt, erlässt
111 Ebda.,S.7f.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen