Page - 551 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Image of the Page - 551 -
Text of the Page - 551 -
KONFESSIONELLE AGITATIONSTEXTE 551
7
VondeinenHausmuaßthiazaweck
DöKindamuaßtvalåssen;
GeltSchelmdås treibtdaZachaaus
Daß'dhiazbist sovalåssen. 8
GehforteneineStådtwostwülst
WosPraedicantenhåben,
döwerdendiadenLeibzwårwol
daSeelnåchwenig låben.
9
WülstdumitunsRechtgläubigen
(VielGlück!)nit länga leben,
LåßdiavonMartinLutherauch
SeinThoal imHimmelgeben. 10
DerNårrderdiesesLiadhåtgmåcht
Schambtsich, sichhiazunenna,
Weil eadesPabstenLehrvaråcht,
SichzuLuthers thuatbekenna.9
1,1 hiaz] Jetzt 1,3 ehnda] früher 2,1 wa] wäre 2,2 eam] ihm dageben] ergeben 2,3 sötlan] solchen 2,4 ruaögs]
ruhiges 4,1 wie r a] wie ein 4,3 Wast] wärest 5,2 billa] billig, mit Recht 7,2 valåssen] verlassen (Kinder unter
12 durften nicht mitgenommen werden und wurden katholisch umerzogen) 7,3 Zacha] Tränen 8,2 Praedi-
canten]evangelischePrediger9,4 Thoal]Teil
Gleichfalls der Süß'schen Nachlese entnommen ist ein katholisches Spottlied, das aber-
mals eine Führerpersönlichkeit der Salzburger Protestanten angreift und direkt auf Er-
eignisse imHerbst1731Bezugnimmt,diedemberüchtigtenEmigrationspatentBischof
Firmians vom 31. Oktober vorangingen.10 In einem humoristischen, aufgrund erzähl-
technischerSchwächenetwaswirren Bauerngespräch` berichtetdersoebenausderStadt
SalzburgzurückgekehrteJodlseinemFreundStöf vondendortbeobachtetenVorfällen.
ZentralesEreigniswarderneugierigerwarteteEmpfangeinesauswärtigen,ausdemGe-
birgestammenden Bischofs ,derstarkbewachtaufdieFestungHohensalzburggeführt
wurde.11 Natürlich steckt auch hier hinter dem naiven Bauerndiskurs das textsorten-
spezi sche Spiel mit Fehlinterpretationen, die die Protestanten und insbesondere den
Führer der ansässigen Gemeinschaft, Rupert Stullebner, in ein lächerliches Licht stellen
sollten. Stullebner war Schmied zu Hüttau (Pongau/Salzburg) und ein begabter Volks-
prediger, dessen Wirken vielleicht auch damit in Zusammenhang stand, dass 1730 in
seinem Heimatort die Kirchensinger abgeschafft wurden, weil sie
verdächtige` Lieder
sangen.12Stöffels inbewunderndemTonvorgebrachteBeschreibungStullebnersistvom
Rezipientenselbstverständlichironischzudeuten immerhinhandelteessich(wieauch
aus den skeptischen Entgegnungen Jodls rasch klar wird) beim Einzug des Bischofs` in
Wirklichkeit um einen Gefangenentransport, wobei die Delinquenten nichts Gutes zu
erwartenhätten.
1 Jodl.
JäStöf wännduendaStädtz'nagstwastg'wes'n
Wäshät'stdunitg'sech'n füreinnarröschWes'n
AusallendenHäusernu.Gäss'nsendd'Leut
Z'sammg'loff'nundgschrienälswarnsönitg'scheidt.
Undäls i that frägn,wäsdös thatbedeut'n,
Sosägt'nsie:Limblgehnurg'schwindtaufdöSeit'n,
9 Archiv des Salzburg Museums, HS 4055-3 (Maria Vinzenz Süß: Nachlese), f. 126r v [Manuskript zu: Süß,
SalzburgischeVolks-Lieder].
10 ErstmalsediertbeiHartmann,HistorischeVolkslieder,S.282 284(inverfälschenderTranskription).
11 Vgl. ebda.,S.284f.
12 Vgl.HermannF.Wagner:DieVolksdichtung inSalzburg.Salzburg:Mayr1882,S.10.
back to the
book Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen