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562 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
Die zweite Emigrationswelle ab April 1732 hatte bereits ein klares Ziel: Auf Einladung
und mit tatkräftiger Unterstützung des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. ließen sich
Tausende Ansässige` in Ostpreußen und Preußisch-Litauen nieder. Die Dürrnberger
Emigranten, die als Schlüsselpersonal der wirtschaftlich so wichtigen Salzgewinnung
zunächst Ausreiseverbot hatten, verließen gegen Ende des Jahres ihre Heimat Richtung
Niederlande,manchevonihnensuchteninder(damalsnochbritischen)KolonieGeor-
gia ihrGlück.26
Setzten also katholische Agitationstexte vorwiegend auf dialektale Ästhetik, war die
Lieddichtung der Salzburger Emigration, die in den folgenden Jahren in zahlreichen
Drucken im gesamten protestantischen Deutschland verbreitet wurde, dagegen dezi-
diert standardnah gehalten. Lieder wie In Gottes Namen tret ich an, Ach wann wir das
recht bedenken, In Gottes Namen so heben wir's an!, Mit Gott wollen wir anheben oder
Von Gott will ich nicht lassen richteten sich offensichtlich an ein evangelisches Publi-
kumfernabdesbairisch-österreichischenSprachraumsundstelltendieUngerechtigkeit
der Verbannung, das Leid der Vertriebenen, aber auch ihr unerschütterliches Gottes-
vertrauen in der Not in den Mittelpunkt; der aggressive glaubenskämpferische Ton der
katholischenPendants fehlt ihnenweitgehend.27
Auch in den folgenden Jahrzehnten scheint diese Taktik der dialektalen Stimmungs-
mache gegen den Kryptoprotestantismus wiederholt zur Anwendung gekommen zu
sein, auch wenn kaum Textmaterial überliefert ist. Von Maurus Lindemayr, in Salzburg
akademisch sozialisiert, hat sich ein Lied erhalten, das in der postumen Erstausgabe
einem katholische[n] Bauer[n] bei Anfang der freigegebenen akatholischen Religi-
onsübung 28 in den Mund gelegt wurde. Doch steht der Bezug zu den josephinischen
Reformen im deutlichen Widerspruch zum Liedbeginn, der ein religiöses Treffen der
Kryptoprotestanten vor der Legalisierung solcher Zusammenkünfte schildert. Durch
das Toleranzpatent von 1781 war es für Protestanten nicht mehr nötig, sich heimlich
in Häuser zu schleichen`, um dort der Auslegung der lutheranischen Lehre zu lau-
schen. Lindemayrs Wie lusti gehts izt auf dä Welt wird deshalb wohl Erfahrungen aus
seiner Missionarstätigkeit in Aichkirchen verwerten:29 Zur Bekämpfung des Krypto-
protestantismus hatte Kaiserin Maria Theresia 1752 die Deportation jener Männer und
FrauennachSiebenbürgenangeordnet,diesichweigerten, ihrenevangelischenGlauben
aufzugeben. Alle Seelsorger der betroffenen oberösterreichischen Gemeinden hatten
damals der Häresie verdächtige Personen einem Religions-Concessus` zu melden, der
daraufhin in einem Verhör die Rechtmäßigkeit der Anschuldigungen überprüfte und
hartnäckig bei ihrem Irrglauben Bleibende zur Deportation bestimmte. Im Zuge die-
ser theresianischen
Transmigrationen` wurdenzwischen1752und1757insgesamt2042
26 Vgl.Florey,DieEntwicklungdesProtestantismus,S.27 32. Florey,GeschichtederSalzburgerProtestan-
ten,S.158ff.
27 Vgl.Hartmann,HistorischeVolkslieder II,S.287 310.
28 MaurusLindermayr'sDichtungen,S.184.
29 Zu den näheren Umständen der Aichkirchener Missionierung vgl. Neuhuber, Ehrbar will man ergetzt
werden ... , S.24 29.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen