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586 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
literarisiert,zensurbedingtgereinigtundanLesegewohnheitenbzw.einenbreiterenAb-
satzmarktausgerichtet.
Wie Hanswurst und consortes in den Wiener Stücken des Kärntnertortheaters der
1740er Jahre tatsächlich sprachen, davon geben Bühnenmanuskripte aus der ehema-
ligen Schwarzenberg'schen Residenzstadt Krumau ( Ceský Krumlov) Aufschluss. Fürst
Joseph Adam hatte hier die Theatertradition wiederaufleben lassen, nicht durch Büh-
nenprofessionisten, sondern als Haustheater, an dem sich das Fürstenpaar selbst und
befreundete Adelige beteiligten.111 Die Spielvorlagen besorgte man sich in Wien: po-
puläre Hanswurst-Burlesken des Kärntnertortheaters. Da es aber Laiendarstellern nur
schwermöglich gewesenwäre, ihre CharaktereaufBasisder lapidarenVorgabenin den
Szenaren überzeugend all'improviso zu gestalten, sind in den Krumauer Manuskripten
dieReplikenfürdieadeligenAkteureundihreMitspielerdetailliertausgeschrieben,und
zwar in einer Weise, die auch die sprachlichen Eigenheiten der verschiedenen Typen
viel deutlicher zu Tage treten lässt. Sie erlauben somit Rückschlüsse auf Spielkonven-
tionen, über die man ansonsten nur spekulieren konnte, und dokumentieren das per se
TransitorischedesImprovisationstheaters, soauchdaskunstfertigeSpielmitdialektalen
Formen. Dialektsprecher in den Krumauer Burlesken sind (wenn nicht der Handlungs-
verlaufeineandereSprechweiseverlangt)Hanswurst,ScapinunddiverseDiener guren;
auch in Colombinas Repliken nden sich des Öfteren dialektale Wendungen. Der am
Kärntnertortheater von Prehauser verkörperte Hanswurst wurzelt sprachlich freilich
nicht imSalzburgischen;ersprichtOstmittelbairischinseinerWienerVariante,diesich
am auffälligsten durch eine Monophthongierung des mittelhochdeutschen Diphthongs
ei vor Nasalen und bestimmen Konsonanten zu einem langen, hellen a von den umlie-
gendenDialektenabhebt soetwain hast` fürmittelbairisch hoast` (=heißt)oder
was`
für
woas` (=weiß).
In der Burleske Baron Wurstelsprung ein Zum Edelmann gewordene Strohschneider,
einemderneunhandschriftlicherhaltenen,ausdemKärntnertortheaterrepertoirestam-
mendenStücke112desaristokratischenLaientheatersinKrumau,zeigtsichdieEvolution
der Figur in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts: Zu Beginn entspricht Hans-
wurst noch vorwiegend der dümmlich-naiven Opportunisten gur stranitzkyscher Prä-
gung, die ihre Triebbefriedigung sucht, solange man sie nicht daran hindert; im Verlauf
der Handlung aber tritt immer mehr der sprachgewaltige und wandlungsfähige Hoch-
staplerprehauserschenZuschnittszuTage.HiereinAusschnittausdemerstenAkt:
111 Vgl. Otto G. Schindler: Die erlauchten Komödianten des Herzogs von Krumau. Der oberösterreichische
Adel gastiert am Schloßtheater der Fürsten zu Schwarzenberg. In: Blickpunkte Oberösterreich 44 (1994),
S.32 39.EineweitgehendwortgleicheÜbersetzunginsTschechischebietetOttoG.Schindler: Arlequin` a
DonQuichotte`na
umav
e.Rakousképramenÿkekrumlovskémuzámeckémudivadlukní atzeSchwar-
zenbergu. In: Jiho ceskýsborníkhistorický63(1994),S.61 68. ChristianNeuhuber:EinWurstelsprung
von Wien nach Ceský Krumlov. Zur kritischen Erstedition der Krumauer Hanswurst-Burlesken. In: Ne-
stroyana38(2018),H.1 2.
112 Eine kommentierte Edition mit Studie ist im Erscheinen, vgl. Lisa Erlenbusch/Marko Ikonic´/Christian
Neuhuber (Hg.): Vom Wiener Kärntnertortheater nach Schloss Krumau. Die Hanswurst-Burlesken von
CeskýKrumlov.Wien:Lehner2018.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Title
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Subtitle
- Eine andere Literaturgeschichte
- Authors
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 652
- Keywords
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen