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46 Sektion I: Themen und Medien der Repräsentation
auch der von Fischer publizierte Grundriss, der ebenso wie jener der Peterskirche eine
Novität in der Publizistik im Umkreis des kaiserlichen Hofs darstellt und vielleicht
von dem 1716 publizierten Plan von Versailles38 angeregt wurde oder diesem sogar
vorausging.39
Die propagandistische Absicht der Reproduktionen beweist die Tatsache, dass die
Ansicht von Schönbrunn vor ihrer Publikation in den Stichwerken des Architekten
bereits in zwei in Leipzig bzw. Nürnberg verlegten Produkten der ‚Reichspublizistik‘
veröffentlicht wurde. Die 1708 erschienene Biographie Leopolds I. von Eucharius
Gottlieb Rinck enthält unter den zehn Illustrationen vier kaum beachtete Kupfer-
stiche von kaiserlichen Monumenten:40 Bezeichnenderweise handelt es sich dabei um
Die der Unbefleckten Empfengnis der Mutter Gottes gewidmete Seule auff dem Hoffe, um
Die der Heil. Dreyeinigk. gewidmete Seule auff dem Hoff (!), um Die dem Heil. Joseph
gewidmete Seule auf dem Hohen Mark und um Das Kayerliche Lust Schloß Schönbrun-
nen (Abb. 4). Diese Auswahl bestätigt die propagandistische Wirkung der Votivsäu-
len ebenso wie die parallele Strategie im Bereich der profanen Bauwerke. Schon im
ersten Kapitel wird im Sinne eines Wagner von Wagenfels betont, dass Wien Paris
an architektonischer Qualität übertreffe und dass Leopold I. „seine Pracht an denen
Kirchen […] desto mehr gezeiget“ habe, „wovon die Peters=Kirche in Wien […] ein
Wunder der Soliditaet und Schönheit seyn wird. Die drey Seulen / so durch sein
Angeben gerichtet / sind voller Kunst und Pracht. […]“. Bei Schloss Schönbrunn
habe Fischer von Erlach „die Kräffte seiner reichen Erfindung hier angewendet / und
unserm Teutschland so viel Ehre damit zu wege gebracht / daß dessen prächtiger Pro-
spect vielen vollkommener vorkommt / als Versailles selbst“. Im zweiten Kapitel wird
die propagandistische Absicht noch deutlicher, da die künstlerische Kritik an den
Monumenten entkräftet wird. So wird von der Mariensäule berichtet, es gäbe zwar
„einige / welche absonderlich an denen vier Engeln aussetzen wollen / daß sie
zu dicke gerathen. Allein es ist dieses Judicium ganz unzeitig / dann sie sind
nicht unter erwachsener Gestalt / sondern als Kinder vorgebildet / in welcher
Beschaffenheit sie alle Vollkommenheit / Der Bild=Kunst besitzen. […] Dieses
ist die erste Säule / welche der gottsfürchtige Käyser / nicht sich / sondern der
Mutter Gottes zu Ehren / auffrichten lassen / und worinnen er seine Frömmig-
keit / die allen eitlen Hochmuth mit Füssen trat / gleichsam mit vorgestellet.
Dieses Seculum fieng auch bey uns in Teutschland an öffentliche Monumenta
und Bild=Säulen aufzurichten. Ludwig der XIV. König in Franckreich / thate
dieses zur Verehrung seiner eignen Person / der fromme Käyser aber erwiese /
daß eigne Ehr nichts sey / und daß denen Menschen kein andrer Ruhm als in
der Verehrung Gottes gegeben.“
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918