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Vom patriotischen Volkslied zur nationalen Kaiserhymne 97
zösischen Revolution sympathisierte und die Bürger von den Fesseln durch Staat und
Kirche zu befreien suchte. In diesen geheimen Versammlungen von oppositionellen
sogenannten ‚Nichtprivilegierten‘ wurde der Wunsch nach Demokratie und einem
raschen Kriegsende offen ausgesprochen und propagiert.3
In dieser Krise der Monarchie, die im Jahr 1794 kulminierte, trat Franz Josef
Graf von Saurau (1760–1832) auf den Plan. Er stammte aus einem alten steirischen
Adelsgeschlecht, stand in enger Verbindung zur Monarchie und zum Kaiserhaus
und befand sich auf dem Weg zu einer vielversprechenden Karriere im Staatsdienst.
Erst wenig zuvor war er zum stellvertretenden Polizeipräsidenten der unmittelbar
dem Kaiser zugeordneten Polizeihofstelle avanciert, und in dieser Funktion agierte
er erbarmungslos. Gleichsam als Demonstration für die Schlagkraft und die Macht
des Staatsapparats deckte er die verräterischen Gruppierungen auf und lieferte sie
der Gerichtsbarkeit aus. Unter dem Schlagwort der ‚Jakobinerverschwörung‘ fanden
öffentliche Schauprozesse statt, in denen unverhältnismäßig harte Gefängnisstrafen
verhängt und sogar mehrere Todesurteile ausgesprochen wurden. Graf Saurau, der
auch der persönliche Berichterstatter des Kaisers war, galt als die treibende Kraft da-
hinter. Als Belohnung für die erfolgreiche Zerschlagung dieser Gruppierungen erhielt
er zusätzlich das Amt des Regierungspräsidenten von Niederösterreich.4
In der Frage, ob der Krieg gegen Frankreich tatsächlich weitergeführt werden
sollte, war man sich auch innerhalb der Regierung nicht einig. Staatsminister Zin-
zendorf riet zum Frieden, Außenminister Baron Thugut hingegen vertrat die gegen-
teilige Position. Trotz der andauernden Unzufriedenheit im Volk entschloss man sich
schließlich für die Fortführung der Kampfhandlungen. Thugut war bewusst, dass
er konkrete Propagandamaßnahmen ergreifen musste, um in der Bevölkerung die
Kriegsbegeisterung erneut anzufachen. In einem vertraulichen Brief an den Kabi-
nettsminister Graf Colloredo vom 24. Juli 1796 sprach er seine Bedenken und Pläne
offen aus:
„Ich fürchte Wien allerdings mehr als die ganze Macht unseres Feindes; von
dort droht der Untergang. Ich habe vor, morgen darüber mit dem Grafen Sau-
rau zu sprechen, denn es ist ja vor Allem die Pflicht der Polizei, die Mittel zur
Leitung der öffentlichen Meinung an Hand zu lassen.“5
Saurau nahm sich der Sache engagiert an. Es erging ein dringender Appell an den
Erzbischof, von der Kanzel aus für den Krieg zu sprechen und die Bevölkerung auf
die „Gefahren des Friedens“ aufmerksam zu machen.6 Und es war derselbe Saurau,
der kurz danach die Initiative für die Gestaltung einer Hymne für den Kaiser ergriff.
Diese Musik sollte seinen eigenen Worten zufolge „die treue Anhänglichkeit des Vol-
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918