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Vom patriotischen Volkslied zur nationalen Kaiserhymne 103
lenden Künste – nahm die Hymne nun eine doppelte Funktion ein: Sie präsentierte
nach wie vor das Volk als Überbringer von Glückwünschen, repräsentierte aber auch
den abwesenden Kaiser.
Das ‚Wiener Aufgebot‘
Dieser Ablösungsprozess von einer konkreten Situation war auch nötig, um die in-
tendierte politische Funktion des Lieds in den Vordergrund rücken zu lassen. Zur
Zeit der Auftragsvergabe, Mitte 1796, war das Habsburgerreich ganz konkret von
Napoleons Truppen bedroht, die vor allem in Italien stetig vorrückten und das kai-
serliche Heer in eine sehr bedrängte militärische Lage brachten. Wie bereits oben,
im Zusammenhang mit der Wahl des Textdichters Haschka, erwähnt, wurde schon
im Herbst desselben Jahrs ein 1.400 Mann starkes Bataillon von Freiwilligen entsen-
det, um die militärischen Aktionen in Mantua zu unterstützen. Bei diesem ‚Corps
der Wiener Freywilligen‘ handelte es sich um Bürger, die für ihre Verpflegung und
Ausrüstung selbst aufkamen. Saurau ahnte wohl schon damals, dass es mehr Unter-
stützung aus dem Volk brauchte, um der Bedrängnis Herr zu werden. Tatsächlich
ging Mantua am 2. Februar 1797 verloren, und das Freiwilligen-Korps geriet in fran-
zösische Gefangenschaft.26
Ob nun das Projekt ‚Kaiserhymne‘ unmittelbar mit einer längerfristig geplanten
allgemeinen Mobilmachung der Wiener Bevölkerung in Verbindung stand oder sich
die historischen Umstände erst kurzfristig in diese Richtung hin entwickelten, ist im
Rückblick schwer zu sagen.27 Nach dem Fall Mantuas fiel jedenfalls ganz Oberitalien
in die Hände der Napoleonischen Truppen, die in den folgenden Wochen bis in die
Südsteiermark vorstießen. Als diese bedrohlichen Nachrichten Anfang April Wien
erreichten, wurde erstmals auch der Bevölkerung die unmittelbare Bedrohung dras-
tisch bewusst. Viele Adelige verließen die Stadt, die Banken und Schulen wurden
geschlossen. Nach einem Aufruf des Kaisers, in dem er an den ‚Nationalgeist‘ seiner
Untertanen appellierte, kundgetan von Graf Saurau, und einer Rede Sauraus an die
Standesvertreter im Rathaus wendete sich die bedrückte Stimmung (Abb. 3). Ein
patriotischer Enthusiasmus wurde entfacht und der Aufforderung zur Landesvertei-
digung begeistert Folge geleistet. Am 17. April 1797 verließ ein Freiwilligenheer von
rund 40.000 Mann nach Fahnenweihe und abgelegtem Eid die Stadt.28 Auch wenn
diese kriegsbegeisterte Truppe schlussendlich nicht zum Einsatz kam – denn nach
einem eilig erklärten Waffenstillstand kehrte man schon nach drei Wochen ohne jede
Kampfhandlung wieder in die Heimatstadt zurück –, so hatte diese gemeinschaftli-
che Aktion doch einen großen sozialen Zusammenhalt im Volk hergestellt und ging
als ‚Wiener Aufgebot‘ in die Geschichte ein.
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918