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110 Sektion I: Themen und Medien der Repräsentation
einer Aufführung in einer Militärstation in Siebenbürgen in walachischer Sprache
haben wir Nachricht.49 Immer wieder liest man von Aufführungen von Gott erhalte
bei Feldmessen, Siegesfeiern, Jahrestagen von wichtigen Schlachten oder Truppenbe-
sichtigungen, gespielt von der Militärmusik. Die offizielle Installierung der Hymne
im Jahr 1826 als Parademusik für das Militär50 scheint demnach nicht – wie oft be-
hauptet – der Beginn ihrer Funktion als Nationalhymne zu sein, sondern schließt viel
eher eine Entwicklung ab, in der sich die Funktion der Melodie von der Volkshymne
zur Kaiserhymne wandelte. Sie ist letztlich der Beweis, dass Graf Sauraus Plan voll
und ganz aufgegangen war.
Die Variabilität der Hymne
Dass bekannte Melodien gerne mit neuen Texten versehen werden, ist ein häufiges
Phänomen von populärer Musik. Es ist einerseits ein Zeichen für deren Beliebtheit,
andererseits aber auch selbst Motor für deren Verbreitung. Die Tatsache, dass Gott
erhalte nicht als Nationalhymne, sondern als Volkslied eingeführt wurde, hatte zur
Folge, dass es von Anfang an einem solchen Prozess der Kontrafaktur unterworfen
war. Ein sehr frühes Beispiel für eine Umtextierung mit politischem Hintergrund
ist ein Gastmahl im Wiener Augarten, das am 21. Mai 1797 von der Innung der
Gold- und Silberschmiede zu Ehren der Unterstützer des ‚Wiener Aufgebots‘ veran-
staltet wurde. Bei der Tafel sprach man „unter Trompeten und Paukenschall“ einen
Toast auf die Gesundheit des Kaisers aus. „Sodann aber ward ein mit der Aufschrift:
Bürgergefühl, gedrucktes Lied, nach der Melodie des beliebten Volksgesangs: Gott
erhalte unseren Kaiser […] mit ungemeiner Rührung abgesungen, welche dieses
Gastgeboth zu einem wahren patriotischen Bürgerfeste machte.“51
Dass die Melodie nach verhältnismäßig kurzer Zeit schon tief im Volk verwurzelt
war, belegt eine weitere Passage, die auf ein anderes soziales Umfeld hinweist. In ei-
nem der Eipeldauer Briefe liest man, dass bei einer Tanzveranstaltung auf dem Wiener
Schottenfeld die Tanzpaare einen bedruckten Zettel in der Hand hatten und während
des Tanzens ein Lied nach der Melodie Gott erhalte unseren Kaiser gesungen hätten.52
Die Beispiele für Neutextierungen sind zahlreich. Zum einen wurden damit in-
nerhalb des Kaiserreichs weitere Mitglieder des Kaiserhauses, die man ebenfalls unter
den Schutzschirm Gottes stellen wollte, angesprochen: der sehr beliebte, als Kriegs-
herr erfolgreiche Erzherzog Karl mit „Gott, erhalte Karl den Helden!“ oder die Kai-
serin durch „Lange lebe Ludovike, Unsre holde Kaisern!“. Auch aktuelle politische
Ereignisse fanden Eingang in den Text. So hieß es etwa zum Ende des Zweiten Koali-
tionskriegs: „Friede bringt dem Lande Seegen [sic!], Friede ist des Landes Heil!“, ab-
gesungen 1802 im vaterländischen Theater in Prag.53 Zum anderen trat die Melodie
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918