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Vom patriotischen Volkslied zur nationalen Kaiserhymne 111
auch über die österreichischen Grenzen, wenn sie in Hamburg als Gesellschafts-Lied
und als Volkslied für Hamburgs glückliche Bürger, in Berlin als Freimaurer-Gesang und
in Paris als Offertorium für den katholischen Gottesdienst in Druck ging.54 Auffällig
ist, dass in diesen Publikationen Haydn als Autor genannt wurde und man mög-
licherweise bloß die instrumentale Melodie des Streichquartettsatzes textierte und
nicht bewusst die habsburgische Kaiserhymne umdichtete.55
Tatsächlich scheint es weniger der Text als vielmehr die konstante Melodie zu sein,
die im österreichischen Kaiserreich sehr bald Repräsentationsfunktion übernahm.
Schließlich wurde Gott erhalte schon kurz nach seiner Entstehung in die wichtigsten
Landessprachen des Vielvölkerstaats übersetzt, was der Wirkung der Hymne keinen
Abbruch tat. Und auch in den folgenden Jahrzehnten musste sie im Zuge der Herr-
scherwechsel mehrmals ihren Text ändern.
Das Schicksal der Hymne in den nächsten hundert Jahren war bewegt und soll
hier nicht mehr dargestellt werden. Am folgenschwersten war wohl die Neutextie-
rung von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, die als Das Lied der Deutschen
1841 als Aufruf zur nationalen Einigung im Deutschen Bund veröffentlicht wurde.
Spätestens mit der Wahl des patriotischen Lieds zur Nationalhymne der Weimarer
Republik hatte die Melodie auch offiziell das Land gewechselt. Heute verbindet man
mit der gesungenen dritten Strophe von Fallerslebens Text („Einigkeit und Recht und
Freiheit“) die aktuelle offizielle Staatshymne der Bundesrepublik Deutschland.56 In
England und den USA kennt man die Melodie hingegen als Kirchenlied.57
Dass mit dem Ende des habsburgischen Kaiserreichs auch dessen Hymne aufgege-
ben werden musste, ist letztlich auch ein Zeichen ihrer starken symbolischen Verbun-
denheit mit diesem historischen Staatengefüge. Als allerletzter Nachklang kann ihre
Inszenierung im Requiem für Otto von Habsburg verstanden werden, das am 16. Juli
2011 in der Stephanskirche von Erzbischof Christoph Schönborn zelebriert wurde.
Am Ende der Zeremonie, kurz bevor der Sarg in die Kaiserkrypta überführt wurde,
kündigte der Kardinal das Singen der Kaiserhymne an, indem er geschickt Worte
aus deren letztgültiger Textfassung als letzten Gruß an den Verstorbenen einflocht.58
Er nannte sie „alte Volkshymne“ und ersetzte den Habsburgischen Thron mit der
Geschichte der Familie: „Innig bleibt mit Habsburgs Throne / Österreichs Geschick
vereint“ wurde zur „untrennbar mit der Geschichte unseres Landes verbundene Ge-
schichte der Familie“ umformuliert. Seiner Rede setzte er die Krone auf, wenn er
aus den Zeilen „Mächtig durch des Glaubens Stütze / Führ’ er [der Kaiser!] uns mit
weiser Hand!“ das Schlusswort gestaltete, indem er die Person des Kaisers durch Gott
ersetzte: „Möge uns alle Gott beschützen und uns führen mit weiser Hand.“ Dass
Text und Melodie hier nun eindeutig keine Volkshymne mehr darstellen, sondern zu-
mindest in der Republik Österreich nach wie vor die alte monarchistische Ordnung
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918