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210 Sektion II: Herrscher, Staat, Nation
schen Frührenaissance“18 gebildet worden. Er sollte auf diese Weise zwischen dem
1873–1883 errichteten neogotischen Wiener Rathaus und dem nördlich gelegenen,
1873–1884 erbauten Universitätsgebäude im Stil der Neorenaissance vermitteln, die
turmgeschmückte Silhouette des Rathauses sollte in der belebten Dachlandschaft der
Arkadenbauten mit ihren gestaffelten Volutengiebeln ausklingen.19 Die am Kom-
mandogebäude in Hermannstadt verwendeten Formen rekurrieren hingegen auf
Vorbilder der italienischen Hochrenaissance von Bramante bis Palladio; seine hohen,
gekappten Walmdächer entstammen dem französischen repräsentativen Profanbau
der frühen Neuzeit. Eine ähnliche Kombination an Gestaltungmitteln weist auch der
1873–1875 von Eugen Schweigel gestaltete Mosertrakt der Wiener Stiftskaserne an
der Mariahilferstraße auf, die als k. u. k. Militärbau der Bezugspunkt dieser Modus-
variation gewesen sein könnte.20
Das auffälligste Motiv der Dachlandschaft der Wiener Arkadenbauten wie des Her-
mannstädter Kommandogebäudes stellen die mit Lambrequins und Quasten deko-
rierten Glockenkuppeln über den Eckrisaliten dar. Sie haben ihr historisches Vorbild
in der Kuppel der Nordfassade des Winterreitschultrakts der Hofburg von 1734.21
Dabei handelte es sich um jenen Teil der projektierten stadtseitigen Eingangsfassade
der Wiener Hofburg nach dem Entwurf von Joseph Emanuel Fischer von Erlach, der
bis zum Tod Karls VI. tatsächlich realisiert werden konnte. Dieses Fragment besteht
aus zwei rahmenden Risaliten und einer konvex gerundeten Mittelachse, das Sockel-
geschoss ist rustiziert, die Obergeschosse durch Kolossalordnungen gegliedert, die ein
verkröpftes Gebälk tragen, über dem sich eine Attikazone mit Skulpturenschmuck
und die besagte Kuppel erheben. Anders als die Arkadenhäuser, die lediglich einfa-
che Eckrisalite aufweisen, rezipiert die turmartig gestaltete Ecke des Hermannstädter
Korpskommandogebäudes diesen Fassadenaufbau recht genau, wobei allerdings die
Mittelachse nicht gerundet, sondern polygonal abgeschrägt ist; entsprechend erhebt
sich die Kuppel nicht über rundem, sondern über oktogonalem Grundriss. Ursächlich
hierfür dürften weniger funktionale, bautechnische oder -rechtliche Gründe gewesen
sein als vielmehr ein Bestreben, das barocke Motiv in das der Renaissance verpflichtete
Erscheinungsbild des Gebäudes einzupassen.22 Die Nordfassade des Winterreitschul-
trakts wurde mit ausdrücklicher Zustimmung Kaiser Franz Josephs I. zum Ausgangs-
punkt der zeitgleich zum Bau des Korpskommandogebäudes erfolgten Vollendung des
Michaelertrakts der Hofburg, dessen südöstliche Ecke sie fortan bildete. Das Kuppel-
motiv wurde dabei noch zweimal hierarchisch abgestuft wiederholt (Abb. 4).23 Der
Michaelertrakt wurde als stadtseitige Schauseite der Hofburg schon bald zu deren „Si-
gnet“ und zum kanonisierten „Wahrzeichen des österreichischen Kaisertums“ insge-
samt, das medial eine enorme Verbreitung fand.24 Das Kuppelmotiv und die abgerun-
dete Reitschulfassade waren jedoch schon zuvor – seit Carl Königs Philipp-Hof von
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918