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252 Sektion III: Netzwerke
Die Tagebücher
Bei den Tagebüchern handelt es sich um insgesamt 18 Hefte in Quartformat, die Kai-
ser Karl VI. (reg. 1711–1740) von 1707 bis 1740 führte.1 Er folgte dabei durchaus
einer habsburgischen Tradition, denn auch von seinem Vater Kaiser Leopold I. sind
Schreibkalender erhalten.2 Die Notizen Karls VI. sind zumeist kurz, häufig umfassen
die Einträge zwischen zwei und drei Zeilen. Umfangreicher sind sie etwa bei Todes-
fällen, oder wenn der Kaiser Lücken in den Aufzeichnungen kommentiert und das
Geschehen kurz zusammenfasst. Solche Lücken sind nicht häufig; sie können einige
Tage, wie während der Krankheit seiner Mutter 1720, oder ganze Monaten, wie nach
dem Tod des nur wenige Monate alten Sohns Leopold Johann 1716, umfassen. Alle
Einträge setzen mit dem Wochentag und Tagesdatum sowie der Uhrzeit des Aufste-
hens ein. Es folgen Messen, Beratungen oder auch einfach Jagdausflüge. Stets wird der
Eintrag mit dem Verweis auf das Mittagessen unterbrochen, dann notierte Karl VI.
schlaglichtartig die Ereignisse des Nachmittags und auch des Abends. Er reiht dabei
(oft abgekürzte) Schlagwörter aneinander, schreibt also nicht in ganzen Sätzen. So
steht ‚neg‘ für negotia oder ‚dep‘ wohl für den Umgang mit Depeschen. Der Kaiser
greift auf ein repetitives Standardformular an Wortgruppen zurück, und die abgekürz-
ten Namen oder Hinweise auf Beratungsthemen oder Festlichkeiten lassen sich oft
nur über die Kenntnisse zu den Ereignissen aus anderen Quellen erschließen.
Die Lesbarkeit der Notizen wird durch die enge und unleserliche Schreibweise
des Kaisers zusätzlich erschwert. Die beinahe mechanische Aufzählung der eigenen,
sich wiederholenden Tagesaktivitäten legt die Deutung der Notizen auch als Rechen-
schaftsbericht Karls VI. für sich selbst nahe, der sich damit wohl für einen künftigen,
innerfamiliären Leserkreis als arbeitsamer und pflichterfüllender Monarch darstellt
bzw. darstellen will. So verweist er darauf, wenn er ‚faul‘ gewesen sei oder sehr häufig
eben ‚vill‘ gearbeitet habe. Nichtsdestotrotz tritt der Kaiser in den Notizen durch-
aus auch als ‚Ich‘ entgegen, etwa wenn er seine Stimmungslage erwähnt, also ob er
traurig oder melancholisch ist. Auch geht er auf die äußeren Wetterbedingungen ein
und notiert große Hitze, Regen oder Nebel, der ihn vom Jagdvergnügen abhält. Sehr
deutlich treten Gemütszustände Karls VI. bei Todesfällen in seiner unmittelbaren
Nähe zu Tage, etwa Anfang 1720 beim Tod seiner Mutter, deren letzte Tage eine Lü-
cke in die sonst alltägliche Tagebuchführung reißen. Nahe geht dem Kaiser auch der
persönliche Verlust seines Vertrauten Johann Michael Graf Althann, der noch nach
seinem Tod am 16. März 1722 regelmäßig Eingang in die Notizen Karls VI. findet.
Obwohl die Tagebuchnotizen zwar oft nur schwer lesbare, sich wiederholende
Schlagwörter zum Alltag des Kaisers beinhalten, der sich auch aus anderen Quellen
wie dem Wienerischen Diarium erschließen lässt, bieten sie durch die persönlichen
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918