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Musikdramatische Aufführungen als Spiegel musikalischer Feste am Wiener Kaiserhof 295
Il delizioso ritiro scielto da Lucullo, console Romano (1738)
Die Huldigungsoper Il delizioso ritiro scielto da Lucullo, console Romano wurde im
Auftrag Questenbergs für den Geburtstag seiner zweiter Gattin, Maria Antonia von
Kaunitz, komponiert und am 13. Juni 1738 aufgeführt. Man kann aufgrund des Ti-
tels und einiger Anspielungen im Text annehmen, dass mit diesem Werk auch an den
im Februar 1738 gefeierten 60. Geburtstag des Grafen erinnert werden sollte. Der
deutsche Titel des Librettos lautet Das von Lucullo Röm: Consul erwehlte an genehme
Land-Leben. Der römische Konsul Lucius Licinius Lucullus, aus der Geschichte auch
als großer Kunstmäzen und gelehrter Bücherfreund, aber auch als genießerischer
Gourmet bekannt, wird im Argomento als „einer der tapfersten Feldherren“ vor-
gestellt. Die Grundlage des Librettos findet sich bei Plutarch, doch wurde in die
Handlung Lucullus’ Tochter Hortensia einbezogen und eine weitere, der historischen
Erzählung nicht entsprechende Handlungslinie eingefügt. Augenfällig sind erneut
die Parallelen im Leben und Wirken des römischen Konsuls und Questenbergs, der
damit wiederum eigentlich als Spiegelbild seiner selbst auf der Bühne steht: Beide
wählen ein angenehmes Leben auf dem Land, wo sie sich ganz den von ihnen ge-
schätzten Beschäftigungen widmen können. So kann man im deutschsprachigen
Argomento des Librettos u. a. lesen, dass Lucullus „[...] sich in ein seiniges Land-
Lust-Gebäude verfügte, alldorten auch nach angeschafft eines deren vortreffichsten
Bücher-Schätzen, so jemals zu finden waren, der Welt-Weiβheit oblage, und in Hal-
tung deren gelehrtesten Unterredungen, und herrlichsten Gast-malen mit seinen
Freunden das glückseligste Leben führete.“ Dies kommt einer Charakterisierung von
Questenbergs Leben in Jarmeritz gleich. In der Licenza wird dieser Aspekt nochmals
betont: Es tritt Il Genio di Jaromeriz (der Schutzgeist von Jarmeritz) auf, um ein
abschließendens Lob auf das hochherrschaftliche Paar zu singen, womit er zweifellos
erneut stolz auf Questenberg und seine Stadt hinweisen soll. Doch noch ein weiterer
Huldigungsaspekt wird in die Licenza gepackt: Neben Il Genio di Jaromeriz tritt auch
Imeneo/Hymenaeus, der Gott der Vermählung und Beschützer der Ehe auf, denn es
gilt schließlich auch die junge Ehe Questenbergs mit Maria Antonia von Kaunitz, der
Tochter seines Freundes Maximilian Ulrich Graf von Kaunitz, zu feiern, die erst im
April 1738 geschlossen worden war, also einige Monate vor der Premiere des Werkes.
Im Fall der schon besprochenen Oper L’amor non ha legge wird vor allem die
Diskrepanz zwischen dem Leben am Hof und dem Leben auf dem Land betont.
An diese Idee knüpft das Libretto von Il delizioso ritiro scielto da Lucullo an. Der
Konsul – also Questenberg – ist zwar als Sieger in Rom (das für Wien steht) festlich
eingezogen, wurde aber dort bald ein Opfer von „Verfolgungen des Neides“ und
der „Unbeständigkeit des Glücks“.31 Das – zusammen mit der Verderbtheit Roms
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918