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310 Sektion IV: Zeremonielle Räume und die „Öffentlichkeiten“
Im Weiteren lässt sich ein dem Opernkomponisten Fux ‒ der zu besonderen Anlässen
stets selbst die Festoper lieferte12 ‒ vergleichbarer Repräsentationscharakter der Kir-
chenmusik anhand des sogenannten Kaiserrequiems (K 51–53) überlegen (Abb. 1).
Dieses Requiem komponierte Fux anlässlich einer Totenmesse zu den Exequien für die
Kaiserinwitwe Eleonore (der Witwe von Kaiser Leopold I.), die am 5. März 1720 in Wien
begangen wurde. Aus den auf dem Umschlag des Stimmenmaterials (aus dem Bestand
der Wiener Hofmusikkapelle) notierten Vermerken geht ferner hervor, dass das Werk zu-
dem am 28. April 1729 zur Totenmesse für Leopold Joseph von Lothringen, den Vater
des späteren Kaisers Franz I. Stephan, am 12. Juli 1736 für Prinz Eugen von Savoyen
(fraglos ein Zeichen der besonderen Wertschätzung des Prinzen) und am 16. November
1740 für Kaiser Karl VI. erklang. Aber das Requiem wurde 1731, 1735, 1737 und 1739
auch zu Allerheiligen je zur Gänze zur Aufführung gebracht, es war also keineswegs dy-
nastisch und auch nicht an Exequien gebunden. Ebenso wenig war seine geschlossene
Wiedergabe verbindlich. 1736 wurde nur die Sequenz daraus musiziert, und auch am 10.
Oktober 1741, zum Totengedächtnis für Kaiser Karl VI., beschränkte man sich auf die
ersten beiden Sätze und ergänzte sie mit Vertonungen von anderer Hand [!]. Die letzte
auf dem Umschlag notierte, offenbar ebenfalls nicht komplette Aufführung fand aus noch
ungeklärtem Anlass am 13. August 1743 statt – ein Signal der Beiläufigkeit, der nahen
Vergänglichkeit des kirchenmusikalischen Œuvres von Fux.
Sofern nicht der allgemein in der ‚Sattelzeit‘ um 1750 veränderte Geschmack für
seine Aussonderung sorgte, versuchte man gelegentlich eine Adaptierung. Johann Se-
bastian Bachs Nachfolger als Thomaskantor, Johann Gottlieb Harrer (1703‒1755),
verlieh einigen Fuxschen Messvertonungen (K 32, E 14, E 15) „colla maggior parte
d’accompagnamenta di Harrer“ ein zeitgemäßes Gesicht13, in einer Quelle zu Fux’
Missa Corporis Christi (K 10) aus Schloss Náměšt in Mähren wurden die Stimmen für
Cornetto und Oboe durch Flöte und Klarinette ersetzt.14 Doch die meisten kirchen-
musikalischen Werke von Fux wurden archivalisches Staugut. Eine gewisse Kurzle-
bigkeit unterläuft somit die Idee eines weitläufig wirksamen musikalischen ‚Imperial-
stils‘. Im folgenden, längeren Zitat schließt Friedrich Wilhelm Riedel diesbezüglich:
„Fragt man resümierend in Analogie zur Entwicklung der bildenden Künste nach
einem ‚Kaiserstil‘ bei der während der Regierungszeit Karls VI. komponierten
Musik, so kann dies für die theatralische Musik, also Dramme per musica, Favole
pastorale, Feste musicale, Azione teatrale, Componimenti per musica, aber auch für
Oratorium und Applausus bejaht werden. Hier war die Beziehung zur Ideen-
welt des ‚cäsarisch-imperialen‘ Stils bereits durch den Text vorgegeben, musika-
lisch-rhetorische Figuren, Affektfiguren und die Da-capo-Form waren die besten
Mittel zur Verdeutlichung von Inhalt und Ausdrucksgehalt der Werke.
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918