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ihm geschaffenen Virtualitäten geht keine Aktualität voraus, an deren Beschaffenheit
er gebunden wäre − er kann also ermöglichen, was er will, solange es sich algorith-
misch ausdrücken lässt.
Zum anderen diagnostiziert Münker in den Interfaces digitaler Medien einen
schnelleren und sichtbareren Übergang zwischen Virtualität und Aktualität, der sich
auf das »utopische« Moment virtueller Räume gründet (ebd.: 126). Dabei meint er
»Utopie« wortwörtlich: Virtuelle Orte und Raumgefüge sind ›U-Topoi‹ im Sinne von
›Nicht-Orten‹, die zwar im kulturellen Sinne durchaus ›real‹ sind, aber eben kein per-
manentes Substrat besitzen. Vielmehr müssen sie diskursiv und aktiv ›beschworen‹
werden und haben Bestand nur durch jene Handlungen und Kommunikationen, deren
Rahmen sie bilden. Vor diesem Hintergrund ist der Cyberspace für Münker schlicht
die sinnfälligste denkbare Ausprägung von virtueller Realität: Er ist die auf ein tech-
nisches Fundament gestellte Möglichkeit des Entstehens und der Veränderung kultu-
reller Sachverhalte vermittels einer Schnittstelle, die visuell funktioniert und daher
mit der physikalischen Erfahrungswelt sichtbar verbunden ist (vgl. ebd.). Dabei erle-
ben wir das Erscheinen, Verschwinden und Einander-Ablösen von Tatsächlichkeiten
hier in sehr viel rapiderer Abfolge, als dies in der physikalischen Realität möglich
wäre.
3.3.7 Räumlichkeit und Raumlosigkeit virtueller Museen
Insofern ist es vielleicht nur folgerichtig, dass derzeit nur wenige als ›virtuelle Mu-
seen‹ auftretende Web-Angebote sich tatsächlich einer Computergrafik bedienen,
welche die Räumlichkeit unserer körperlichen Erfahrungswelt nachzubilden im-
stande wäre. Stattdessen begegnen uns die meisten solcher Internetauftritte unver-
blümt als eben solche, nämlich als gewöhnliche hypertextuell verlinkte Webseiten,
deren gemeinsame Beschaffenheit als virtuelles Museum ausgewiesen ist durch ihr
Abrufbar-Sein unter einer gemeinsamen Domain, die mit den technischen Auszeich-
nungen http://www. beginnt und mit einem Länderkürzel endet, sowie eine die ›ei-
gentlichen‹ Wissensinhalte begleitende Dokumentation der dem Hypertextgefüge zu-
grundeliegenden Autorschaft (wie sie sich z.B. in Front- und Impressumsseiten aus-
drückt, aber auch im die einzelnen Webseiten ästhetisch verbindenden Webdesign).
Dies hat sicher zunächst ökonomische Gründe: Sollen Computerbilder heutzutage
routinierte Nutzer noch beeindrucken, so müssen sie sich an den bereits auf unseren
Bildschirmen präsenten Bilderwelten messen lassen. In einer Zeit, in der Computer-
spiele nicht selten mit den Budgets von Hollywoodfilmen produziert werden und
ihre Formalismen über das hinaus weiterdenken, was augenblicklich zu beobachten ist und
aus der zwingenden Logik der Mathematik heraus immer wieder akkurate Voraussagen
über das Eintreten und Ausbleiben von Phänomenen machen.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien