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kann (vgl. Battro 1999). Genau dies ist ja die Kernthese der Malraux᾿schen Kunst-
philosophie: dass das Objekt in der Rezeption wieder und wieder transformiert wer-
den muss, um als kultureller Sinnträger überleben zu können. In seiner tatsächlichen
Aktualisierung als Nouophor jedoch verschwimmt jede klare Richtung der Sinnstif-
tung in einem regelrechten ›Huhn/Ei‹-Szenario: Das Ding kann als Bedeutungsträger
interpretiert werden, weil es sich als solcher zu erkennen gibt, und zugleich kann es
nur als solcher erkannt werden, weil es in der Interpretation immer wieder aufs Neue
anschlussfähig gemacht wird. In den Worten Battros findet daher zwischen uns und
den Dingen (bzw. speziell den Kunstwerken) ständig eine »virtuelle Interaktion« statt
(ebd.). Zugleich greife dieser Interaktionsprozess weit über den Augenblick der indi-
viduellen Konfrontation von Rezipient und Werk in unser kulturelles Bewusstsein
aus: Das Kunstwerk begegnet niemals nur dem Betrachter mit seinem individuellen
ästhetischen Empfinden, sondern es wird in seiner Wahrnehmung und Reflexion
auch mit all den anderen Kunstobjekten konfrontiert, welche die Fixsterne seines
Kunstverständnisses bilden und den Kontext, in dem er neu wahrgenommene Gegen-
stände deutet. Jedes Kunstwerk stellt einen Knotenpunkt dar im Netzwerk komplexer
Diskurse über sich und andere Objekte, und somit auch einen Knotenpunkt für die
Kommunikation zwischen Betrachtern. Oder einfacher gesagt: Über Kunstwerke in-
teragieren laufend Betrachter miteinander, und über Betrachter Kunstwerke. Hieraus
resultiert eine regelrechte Flut von Virtualitäten der Kunst, die es laufend neu zu be-
wältigen gilt und die womöglich den Umfang der Universalbibliothek noch bei wei-
tem übertrifft. Der Bewahrungs- und Präsentationsauftrag des Museums bedeutet vor
allem auch, immer wieder in die Tiefen explodierender Virtualitäten hinabzusteigen
und die Vergangenheit ständig aufs Neue zu erobern (vgl. ebd.).
4.4 PFADE DURCH DAS WELTMUSEUM
Nun sind aber virtuelle Museen, wie zu Beginn des vorigen Kapitels dieser Arbeit
deutlich gemacht wurde, weder abstrakte und utopische Konzepte von Kulturvermitt-
lung, die sich den Anspruch der Universalität auf die Fahnen geschrieben hätten,
noch treten sie üblicherweise als mediale Dispositive mit einer souveränen techni-
schen Infrastruktur in Erscheinung, wie es klassischerweise das physische Museum
tut. Noch 1998 nannte Suzanne Keene drei entscheidende Kanäle für digitale Multi-
media-Angebote im Museumsbetrieb, und bei keinem davon spielte zu diesem Zeit-
punkt die Veräußerung der eigenen Inhalte in eine wie auch immer geartete virtuelle
Meta-Ausstellung eine Rolle: Keenes drei Vektoren der Museumsvirtualisierung sind
die Homepage im World Wide Web, das Computerterminal im Museumsraum selbst,
und die Museums-CD-ROM (vgl. Keene 1998: 52). Keene behandelt diese drei Op-
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien