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Cultures wiederum borgt sich diese Autorität und übersetzt sie für seine eigene Aus-
stellungsabsicht abermals in eine praktische und zweckdienliche Form, die nun aber
(der digitalen Trägertechnologie geschuldet) nicht mehr nur kulturell funktionieren
kann, sondern eine funktionale Entsprechung auf dem computer layer erfordert.
Diese Entsprechung sind eben Formate, Standards und Protokolle, welche die Kano-
nizität der Inhalte und das Wohlverhalten der User gleichermaßen absichern sollen.
Dabei ist allerdings, wie Clifford Lynch feststellt, das Authentizitätserlebnis im
virtuellen Museum (und, so könnte man hinzufügen, aller Wahrscheinlichkeit nach
auch im physischen) weniger an konkrete technische Verfahren der Authentifizie-
rung als vielmehr an die Annahme gekoppelt, dass entsprechende Mechanismen im
Hintergrund der ›Ausstellung‹ wirksam sind. Vom Endnutzer könne man überhaupt
nicht erwarten, die Daten, mit denen er umgeht, in irgendeiner Weise zu authentifi-
zieren: Der ›Besucher‹ eines virtuellen Museums wird üblicherweise weder Zugriff
auf die Masterkopie, noch auf die genaue Herkunftsdokumentation eines digitalen
Exponates haben, wie immer es auch verfasst und formatiert sei (vgl. Lynch 2000).
Und natürlich würde die Einforderung einer solchen Leistung auch völlig dem mu-
sealen Erfahrungsmodus zuwiderlaufen, den wir aus dem physischen Museum ge-
wohnt sind. Im Museum müssen wir normalerweise weder Kenner sein, die jeden
Semiophor aus ihrem Vorwissen heraus als authentisch identifizieren können, noch
müssen wir zu Bürokraten mutieren, welche in die Sammlungsdokumentation ein-
tauchen und die Provenienz der Exponate an den papiernen Spuren ihrer Aufbewah-
rung nachhalten. Der Tempel gewährleistet die Heiligkeit seines Inhaltes aus dem
Umstand heraus, dass er Tempel ist und von einer Priesterschaft als solcher bespielt
wird. Die Abduktion ist per Institutionalisierung ermöglicht, während die Vorausset-
zungen für Induktion, Deduktion und Transduktion kuratorisch gemacht werden
müssen.
Damit geht es also, fasst Lynch zusammen, letztlich auf der Rezipientenseite
zentral immer um »Vertrauen« (ebd.). Dieses Vertrauen ist nicht einfach das aufsum-
mierte Produkt zusammenwirkender Authentisierungsstrategien, sondern wieder eine
Machtlinie im Netz eines Dispositivs, in welchem diese Strategien mit zahlreichen
anderen Faktoren interagieren. Während also die Virtualisierung des Musealen zu-
nächst darin besteht, Digitalisate von physischen Museumsexponaten zu erstellen
und diese innerhalb einer virtuellen Informationsarchitektur für eine von musealen
Vermittlungsabsichten getragene Präsentation aufzubereiten, heißt Musealisierung
des Virtuellen vor allen Dingen: diese Informationsarchitektur so zu gestalten, an die
Außenwelt anzubinden und zu narrativieren, dass sie von ihren Nutzern als ein Ga-
rant des ›Echten‹ angenommen wird. Hierbei spielt natürlich die Authentifizierung
von digitalen Objekten eine wichtige Rolle ‒ äquivalent und zugleich nachgeschaltet
jener von Fachwissenschaften wie Archäologie oder Kunstgeschichte, welche die
Echtheit physischer historischer Überreste bestimmen und diese damit für museabel
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien