Page - 311 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 311
Wir fliegen von Metapher zu Metapher, von Standpunkt zu Standpunkt, und lassen uns nur für
einen Augenblick nieder. Für uns sind diese allzu soliden Überzeugungen, diese tiefgründigen
Visionen des Zeitalters der Vernunft mit ihrer unerschütterlichen Gewißheit und ihrer cartesi-
anischen Vergewisserung nichts. Für uns ist alles Oberfläche, eine Oberfläche auf einer wei-
teren Oberfläche. (Ebd.)
So überkommen wie der fetischistische Umgang mit dem Originalobjekt in der Mu-
seumspraxis sei notwendigerweise auch die Vorstellung von der physischen Bewe-
gung des Besuchers durch den Museumsraum. Im postmusealen Szenario Ascotts, in
dem Besucher und Ausstellungsobjekte zum denkenden Nervensystem verschmel-
zen, ist die Körperlichkeit des Betrachters ähnlich wie die materielle Gebundenheit
des Exponats vor allem ein weiteres zu überwindendes Hindernis. Unsere Körper
selbst sind für ihn Bedeutungsträger, die unsere Wahrnehmung verzerren und einen-
gen. Ganz in der Tradition des Cyberpunk fordert er dementsprechend ein Museum
nicht für den körperlich anwesenden Beschauer, sondern für das »entkörperte
Selbst«, das eben in unserer medialen Umwelt längst nicht mehr an den Körper und
seine fünf Sinne gekettet, sondern via cyberception in den Netzen distribuiert sei.
Einem solchen Cyberbewusstsein könne das klassische Museumsexponat gar nicht
mehr gerecht werden, weil es völlig unterhalb seiner Wahrnehmungsschwelle exis-
tierte:
Welchen Platz in unserem Bewußtsein können in diesem Eintauchen in das Immaterielle, die
unsere Kultur der computervermittelten Ereignisse, der Fuzzy Logic, der Prinzipien der Unge-
wißheit, der Unentscheidbarkeit und des Chaos begründet, die Aufbewahrungsorte von alten
Töpfen und Pfannen, Stöcken und Steinen, Knochen und Spielsachen einnehmen? Welche
sinnvolle Rolle können in einer immateriellen Kultur das Aufbewahren, die Klassifizierung
und Darstellung einer materiellen »Evidenz« vergegenständlichter Hypothesen spielen? Kön-
nen Spuren nicht in Datenbanken gespeichert werden, um sie bei Bedarf in der Virtuellen Re-
alität zu verwirklichen, wodurch der Benutzer nach seinen Wünschen Zugang zu kulturellen
und geschichtlichen Erinnerungen erhält und seine eigenen Assoziationen. Vermutungen, Re-
konstruktionen und Bedeutungen erschaffen kann? (Ebd.)
In anderen Worten: Die ›neuen Medien‹ haben uns längst für das klassische Museum
verdorben, und das virtuelle Abbild des Originalobjektes ist für unser neues Medien-
bewusstsein zum ihm überlegenen Sinnträger geworden. An die Stelle des Museums-
gebäudes müsse und werde daher in Zukunft das treten, was Ascott »Wissensland-
schaften« nennt: Es gehe nicht länger um die Inszenierung von Geschichtsbildern
und um Ausstellungen, die im Zeichen benennbarer kuratorischer Entscheidungen
stehen, sondern um »Gärten von Hypothesen«, die »sich im Raum zwischen dem
Virtuellen und dem Realen befinden«. Diese botanische Metapher zeigt bereits an,
dass Ascott hier in einer ganz ähnlichen Bildlichkeit denkt wie jener des Rhizoms:
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien