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Art Project weder in didaktischer Konzeption noch in technischer Umsetzung eine
›postmuseale‹ Position, welche die kuratierte Ausstellung in der Virtualität der As-
soziierbarkeiten aufgehen lassen will. Vielmehr versucht Google die Aussöhnung des
individuellen physischen Museums mit dem virtuellen Meta-Museum sowie die
Rückbindung der zahl- und ortlosen digitalen Reproduktion an das einzigartige und
geographisch gebundene Original. Das Museum mit Wänden steht jenem ohne
Wände nicht als Gegenentwurf gegenüber, sondern die Wände werden optional ‒ und
damit wird dem Besucher zugleich das vor Augen geführt, was physische Museum-
sausstellungen ihm meist verheimlichen: dass nämlich jede Ausstellung das Ergebnis
von Auswahlprozessen und Entscheidungen ist, die anders hätten ausfallen können,
und dass jedes Exponat sich auch in andere Zusammenhänge einreihen ließe. Ganz
unmittelbar kann er die Vieldeutigkeiten der Ausstellungsstücke bei der Erstellung
von Nutzergalerien erleben, die ihn selbst zum Kurator werden lassen.
Ross Parry sieht in solchen Phänomenen des social tagging die Andeutung eines
grundsätzlichen Wandels im Wesen kuratorischer Arbeit. Die klassische Ausstellung
hat für ihn den Charakter einer Erzählung: Sie stellt eine Auswahl aus einer größeren
Sammlung dar, die ohne gezielte Reduktion keine Aussagen zu artikulieren vermag.
Hypertextsysteme indes sind laut Parry Sammlungen (von Textbausteinen), in denen
die Aufgabe der Auswahl dem Leser zufällt. In sich laufend erweiternden virtuellen
Museumsprojekten besteht seiner Ansicht nach die Gefahr, dass die ›Kuratoren‹ (wo-
mit hier die Webseitenbetreiber gemeint sind) ihre Autorenfunktion einbüßen. An
ihre Stelle trete die eines Kritikers, der das museale Narrativ nicht ›schreibt‹, sondern
den Besucher nur mehr zur Zurechtfindung im Labyrinth der Inhalte anleitet (vgl.
Abbildung 7: ›Compare‹-Ansicht von Botticellis ›Nascita di Venere‹ (Galleria
degli Uffizi, Florenz) und Tizians ›Venus Anadyomene‹ (National Gallery of
Scotland, Edinburgh).
https://www.google.com/culturalinstitute vom 10.02.2015.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien