Page - 404 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Image of the Page - 404 -
Text of the Page - 404 -
404 | Dinge – Nutzer – Netze
scheinen tatsächlich wie Simondons Kristalle um ›Keime‹ von Ideen, Konzepten, In-
halten und Akteuren herumzuwuchern ‒ und zwar auf jene Arten, die ihr technisches,
soziales und kulturelles Milieu ihnen gestattet. Will man Museumsvirtualisierung als
Vorgang analytisch durchdringen, so muss man sowohl diese situativen Zusammen-
künfte verstehen, als auch die Bedingungen, unter denen sie zustande kommen, den
Keim und die aus ihm hervorgehenden Kristalle ebenso in den Blick nehmen wie das
Milieu ihrer Entfaltung. Insofern ist die vorliegende Arbeit vor allem als eine erste
umfassende ›Milieustudie‹ darüber zu interpretieren, mit welchen institutionellen,
medialen, pädagogischen, personellen, ästhetischen, epistemischen und disziplinären
Voraussetzungen einerseits das Museum digitalen Medien und vor allem dem World
Wide Web gegenübertritt, und was andererseits diese Medientechnologien dem Mu-
seum an technischer und formallogischer Infrastruktur für die Entfaltung seiner
Wirkmacht und Arbeitsweise zur Verfügung stellen.
Die Frage nach der ›Musealisierung des Virtuellen‹ wird in Zukunft ‒ dies hat
sich in den Fallstudienkapiteln über das Virtual Museum of Canada und Archive.org
gezeigt ‒ gerade auch im Hinblick darauf brisant werden, wie wir jenen Teil unseres
kulturellen Erbes deponieren und exponieren, der originär digital ist. Die Hyper-
texttheorie ist aus der Bibliothekswissenschaft entstanden und hat sich Jahrzehnte-
lang an der Bibliothek und ihren kategorial geordneten Katalogsystemen als ›Feind-
bild‹ abgearbeitet. Das Museum hat sie so gut wie gar nicht thematisiert und sich
damit womöglich Impulse vorenthalten, unter deren Einfluss ihre Ideengeschichte
sehr anders hätte verlaufen können. Dabei zeichnet sich die potenzielle Relevanz des
musealen bzw. kuratorischen Prinzips für die Verwaltung und Präsentation digital
gespeicherten Wissens nicht nur darin ab, dass Museen über kontextabhängige Sinn-
module und deren ›Vernetzung‹ funktionieren. Entscheidend ist vor allem auch der
Gebrauch, den sie von Raum und Räumlichkeit machen.
Hypertextsysteme werden topologisch konzipiert und in räumlichen Termini be-
schrieben. Keine Metaphorik des Virtuellen von den Gedächtnispalästen der Antike
über Vannevar Bushs ›Pfade des Interesses‹ bis hin zum Cyberspace kommt ohne
Begrifflichkeiten aus, die raumzeitliche Verhältnismäßigkeiten beschreiben ‒ Nähe
und Ferne, Stillstand und Bewegung, Größenunterschiede und Richtungsangaben,
Navigation, Flanerie und Irrwege. Der ›virtuelle Raum‹ ist nicht erst die Domäne von
Computerspielen und virtual reality-Applikationen. Er ist vielmehr das Denkmodell,
dessen wir uns bedienen, um Informationen als positive Gegenstände behandeln, sie
verdinglichen zu können. Richard Saul Wurmans Informationsarchitektur kreist um
genau die Einsicht, dass solche Verräumlichungen nicht erst post hoc beim Rezipi-
enten als Lektürestrategien entstehen, sondern auf der Autorenseite bereits vorausge-
dacht werden müssen, wenn digitale Inhalte effizient vermittelt werden sollen. Das
heißt konkret nichts anderes, als dass die Bedingungen digitaler Vermittlung archi-
tektonisch behandelt werden müssen, und die konkreten Vermittlungssituationen ku-
back to the
book Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen"
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien