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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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verlässt das Liebespaar die Diplomatenfeier. Der erste Abend der beiden dient dann zum Abbau der durch die sowjetische Propaganda einzementierten Kli- schees über den amerikanischen Konkurrenten im Kalten Krieg, die den beiden durch ihren Beruf bei den Medien nur zu gut bekannt sind und die sie nicht ohne Ironie reproduzieren: „‚Sie sind eigentlich der erste Amerikaner, den ich kennenlerne, und ich habe mir die Amerikaner immer ganz anders vorgestellt.‘ ‚Na, und wie? Dick, gefräßig, mit einem fischigen kalten Blick und gefletschten Zähnen?‘“ (RJW 39) Und auf die Frage Julias, für welche amerikanische Zeitung er schreiben würde, meint Romeo, es wäre eine „ganz böse kapitalistische Zei- tung“ und charakterisiert den Chefredakteur als hartgesottenen Antikommu- nisten, der „jeden Tag zum Frühstück zehn gebratene Kommunisten“ verspeist, und dessen Kinder „zu Hause mit Kartoffelkäfern“ (RJW 37) spielen würden. Romeos ironisches Spiel mit den „schrillen amerikafeindlichen“21 Propagand- aklischees, die im Österreich der Besatzungszeit weit verbreitet waren, konter- kariert hier das Bild des auf sowjetischen Plakaten dargestellten unersättlichen Kapitalisten ebenso wie die „kurios anmutende, aber […] immens wirksame Verschwörungsideologie“22 des sogenannten „Amikäfer“. Gemeint ist der Kar- toffelkäfer, auch „Coloradokäfer“ genannt, der – so die sowjetische Propaganda – von den USA sowohl über der DDR als auch in Nordkorea abgeworfen wurde, um die Ernten zu vernichten.23 Major Tubaljow, der Vorgesetzte Julias, steht den Liebenden als Erster im Weg. Er propagiert den Systemkonflikt in bester stalinistischer Manier und wittert hinter der Beziehung eine antisowjetische Verschwörung. Er warnt Julia, da sie genau wisse, „was es bedeutet, mit dem Feind zu konspirieren“ (RJW 45). Als eine solche „konspirative Tätigkeit“ wurden im historischen Kontext die sexu- ellen Beziehungen zwischen sowjetischen Besatzungssoldaten und ausländischen Frauen angesehen, die aus der Sicht des Kremls aufgrund der Gefahr „antisow- jetischer Spionage“ unerwünscht waren.24 Die Konsequenz einer solchen Ankla- ge konnte zu mehreren Jahren Haft oder sogar zum Tod durch Exekution für 21 Wolfgang Mueller: „Die Kanonen schießen nicht ... Aber der Kampf geht weiter“. Die Propag- anda der sowjetischen Besatzungsmacht in Österreich im Kalten Krieg. In: Stefan Karner (Hg.): Die Rote Armee in Österreich, S.  339–362, hier S.  361. 22 Walter Wippermann: Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute. Ber- lin: be.bra verlag 2007, S.  112. 23 Bertolt Brecht verewigte den Schädling in einem 1950 entstandenen Propaganda-Gedicht: „Mutter ich bin hungrig. / Wie lang ist’s zur Jause hin? / Mutter, ich weiß nicht / Warum ich so hungrig bin. / Die Ammiflieger fliegen / Silbrig im Himmelszelt: / Kartoffelkäfer liegen / In deut- schem Feld“. Bertolt Brecht: Die Ammiflieger. In: Ders.: Werke: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd.  15: Gedichte  5. Gedichte und Gedichtfragmente 1940–1956, Hg. Werner Hecht [u.a.]. Berlin [u.a.].: Aufbau und Suhrkamp, 1993, S.  218. 24 Vgl. Barbara Stelzl-Marx: Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besat- zung 1945–1955. München, Wien: Oldenbourg, Böhlau 2012, S.  488. Übertragungen des „Romeo und Julia“-Stoffes in den Kalten Krieg 99
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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