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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Page - 101 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

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nationalen Zone haben, muss sich Romeo bei seinem Vertrauten, dem Hofrat Lorenz, verstecken. Ein letztes Mal trifft sich das Liebespaar vor der Karlskirche, der geplanten gemeinsamen Flucht nach Mürzzuschlag (Steiermark) kann Julia jedoch nicht zustimmen: „sie werden etwas ganz anderes vermuten, wenn ich heute mit dir gehe, eine Stunde nachdem die Polizei bei mir war. Dann bin ich für sie eine Spionin. Dann gibt es keine Gnade für meinen Vater.“ (RJW 116) Julia bleibt, da sie nach Moskau zurückversetzt werden soll, keine andere Wahl, als in einem Täuschungsmanöver ihren Tod durch einen Sprung in die Donau zu inszenieren und einen Abschiedsbrief zu hinterlassen, in dem sie ihren Selbstmord erklärt: „Sie schreiben“, wie ihr Hofrat Lorenz diktiert, „daß Sie frei- willig aus dem Leben scheiden – wegen Ihrer Abberufung – wegen dieses Todes- falls – wegen der ganzen unhaltbaren Situation, wir werden das schon formu- lieren.“ (RJW 130) Wie im Original kommt es daraufhin zu einer fatalen Verzögerung des Kommunikationsflusses und damit zu einem tödlichen Miss- verständnis: Romeo erfährt in den „Zehn-Uhr-Nachrichten“ von Julias vermeint- lichem Selbstmord und macht sich, da der alles aufklärende Brief von Lorenz zu spät in Mürzzuschlag ankommt, sofort auf den Weg nach Wien, wo er sich, von Julias Tod überzeugt, das Leben nimmt. Besonders pointiert ist dann der in der Vorlage vorgesehene Suizid Julias, wenn sie von Romeos Tod erfährt: Sie stellt sich einfach den sowjetischen Behör- den. Lorenz kommentiert das wie folgt: „Aber das ist doch glatter Selbstmord! Man wird Sie des Landesverrats beschuldigen und vor Gericht stellen. Sie als Russin – mit einem Amerikaner – und Ihre Flucht! Man wird Sie schwer bestra- fen!“ (RJW 152  f.) Hier impliziert der Text ein Bild des sowjetischen Rechtssys- tems, das durch seine „manichäische Weltsicht“ ein „unsichtbares, in die Reali- tät unheilvoll hineinwirkendes Reich des Bösen herbeiphantasiert“26 und eine Beziehung zwischen den eigenen Staatsbürgern und dem Feind nicht zulassen kann, da es sich ständig als Ziel der Verschwörung, Spionage oder Sabotage sieht. Darüber hinaus wird hier auch der größte Unterschied des Textes zum Shake- spear’schen Original deutlich: Während dort der Tod der Liebenden auf die Feindschaft zwischen den beiden Familien und eine schicksalhafte Verkettung von unglücklichen Umständen zurückzuführen ist, wird er bei Dor und Feder- mann einseitig dem Unrechtsregime der Sowjetunion zugeschrieben. Nicht zuletzt darin zeigt sich, dass Romeo und Julia in Wien zum politischen Konflikt des Kalten Krieges eine eindeutige Haltung einnimmt, die nur als pro-westlich zu bezeichnen ist. Die Liebesbeziehung zwischen einer Angehörigen des Ostens und einem Vertreter des Westens gerät zur Unmöglichkeit, wobei die Autoren 26 Hans Günther: Der Feind in der totalitären Kultur. In: Gabriele Gorzka (Hg.): Kultur im Sta- linismus. Sowjetische Kultur und Kunst der 1930er bis 50er Jahre. Bremen: Edition Temmen 1994. S.  89–100, hier S.  92. Übertragungen des „Romeo und Julia“-Stoffes in den Kalten Krieg 101
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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