Page - 106 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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pitalisten und Kriegsverdiener durchgeführt worden war. […] Die Bevölkerung
der DDR hat in den vergangenen fünf Jahren eine gewaltige Arbeit geleistet. […]
Heute ist die DDR zu einem Industrieland von großer Leistungsfähigkeit gewor-
den. […] Aber nicht nur die Erfolge in der Produktion sind es, die heute den
Bürger der DDR mit Stolz erfüllen, es ist vor allem die Erkenntnis, daß er aus
eigener Kraft ein neues Leben aufbaut, das reicher und besser ist als früher. […]
Wer hier die Menschen bei ihrer Arbeit, die Jugend beim Lernen und Studieren
sieht, der muß sich davon überzeugen, daß in diesem Teil Deutschlands der preu-
ßische Ungeist ein für allemal ausgerottet wurde. […] Die Bevölkerung der DDR
begeht ihren Staatsfeiertag in dem Bewußtsein, daß ihre Kräfte unüberwindlich
sind, daß jetzt die Zeit gekommen ist, wo ihre harte und aufopferungsvolle Arbeit
Früchte trägt. […] Sie [die DDR] weiß, daß sie in den Augen der Welt eben das
andere Deutschland verkörpert, das mit aller Kraft dafür arbeitet und kämpft, daß
das militärische und revanchelüsterne Deutschland Krupps und Kesselrings nicht
noch einmal zum Würger der europäischen Völker wird.43
Als zentrales Symbol für die Teilung der Stadt baut Kain zu Beginn seiner Erzäh-
lung die Bernauer Straße auf, die entlang der Bezirke Pankow und Wedding ver-
läuft, und auf deren südlicher Seite sich die Sektorengrenze befand. Ab August
1961 führte hier auch ein Teil der Berliner Mauer entlang. Die Straße, mit ihrer
Lage an den jeweiligen Grenzen der beiden Systeme, spiegelte auf engstem Raum
den innerdeutschen Konflikt wider, der alle wesentlichen Gesamtberliner Vor-
gänge nach Ausbruch des Kalten Krieges bestimmte.44 Kains Erzählung verbin-
det Alltägliches, z.B. das Einkaufen von Lebensmitteln oder den Beruf mit den
Konstellationen des Kalten Krieges, ohne dass dieser jemals beim Namen genannt
wird. Die der Erzählung inhärente Bipolarität wirkt sich vielgestaltig auf die Pro-
tagonistinnen und Protagonisten aus, etwa in Form der unterschiedlichen Lebens-
weisen, die im Grenzraum an der Bernauer Straße, an dem die Systeme einander
gegenüberstehen, von Kain gestaltet werden. Am Ende der Erzählung wird dann
aber eine Überwindung des Systemkonflikts durch das jugendliche Liebespaar
angedeutet – freilich auf ideologisch einseitige Weise.
Zunächst etabliert ein auktorialer Erzähler die Ausgangssituation durch die
genaue Beschreibung des physischen Verlaufs der Grenze und schildert die Aus-
wirkungen des jeweiligen Systems auf die Bewohnerinnen und Bewohner der
einen und der gegenüberliegenden Seite:
43 Franz Kain: Fünf Jahre DDR. In: Neue Zeit, 7.10.1954.
44 Vgl. Frank Roggenbuch: Das Berliner Grenzgängerproblem. Verflechtung und Systemkonkur-
renz vor dem Mauerbau. Berlin, New York: de Gruyter 2008.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
106 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918