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Heiner, der sich zwar berufstechnisch weiterbildet, aber keine politischen
„Lehrgänge“ machen will, weil er dort „Zeug lernen [muss], das man doch nicht
braucht“ (RJB 30), ist wegen seines Vaters, der ihn ständig mit politischer Pro-
paganda konfrontiert, des Kampfes der Ideologien überdrüssig. Erst im Umgang
mit Helga, gegen deren Argumente er den Osten verteidigen muss, avanciert er
zu einem überzeugten Kommunisten, der sich seiner Verantwortung gegenüber
der sozialistischen Gesellschaft bewusst wird. Umgekehrt wird Helga durch ihre
Besuche in Ostberlin vom DDR-System zunehmend überzeugt, wobei wichtige
gesellschaftspolitische Fragen wie die Arbeitslosigkeit im Westen oder die billi-
geren Waren im Osten, die Kain auch in seiner journalistischen Arbeit behan-
delte,46 von der Erzählung aufgegriffen werden.
Heiner und Helga beginnen – im Gegensatz zu ihren Vätern – ernsthafte poli-
tische Diskussionen, die als Verständigungsversuche und Überbrückung zwischen
den Fronten gewertet werden können. Beide reproduzieren dabei die Propaganda
ihres jeweiligen Systems, ähnlich den Protagonisten von Dors und Federmanns
Roman. Heiner, der „die Erscheinungen des Lebens um ihn her gegen die boshaf-
ten Angriffe“ (RJB 62) Helgas verteidigt, greift dabei auf Argumente zurück, die
er bei Versammlungen und Diskussionen gehört hat. Helga dagegen führt Gegen-
argumente ins Treffen, die „ihr zwar schon längst zum Halse heraushingen, weil
sie bei jeder Gelegenheit vorgebracht wurden, die ihr aber doch so geläufig waren,
daß sie sie im Schlaf hersagen konnte“ (RJB 62). Da ihm Helga ständig wider-
spricht, etwa in Bezug auf die Straßennamen – was Heiner z.B. als Dimitroffstra-
ße bezeichnet, ist für Helga die Danziger Straße (vgl. RJB 63), ist er gezwungen,
seine Gedanken in ideologischer Hinsicht zu ordnen. Denn „schon aus Eitelkeit
wollte er [Helga] nicht nachstehen“ (RJB 63
f.) und kann sie schließlich sukzessi-
ve von der Überlegenheit des Ostens in vielerlei Hinsicht überzeugen.
So widerlegt das von Helga im Osten günstig gekaufte Fleisch die antikom-
munistischen Argumente ihres Vaters. Während dieser verkündet, dass „da drü-
ben wieder mal eine Fleischknappheit“ herrscht und orakelt, dass es „nicht mehr
lange dauern [kann], bis sie ganz fertig sind“, beobachtet Helga „mit boshafter
Genugtuung, wie sich der Vater das Essen schmecken ließ“ (RJB 37). Dieses Ele-
ment der Erzählung hat einen eminenteren politischen Hintergrund, als es
zunächst scheinen mag. Kain hat in einem Artikel in der Neuen Zeit zwei Jah-
46 Vgl. Franz Kain: Wo Jugendarbeitslosigkeit ein Fremdwort ist. In: Neue Zeit, 28.8.1953. Dort
berichtet er von einer zwanzigköpfigen Delegation, bestehend aus Mitgliedern der Freien Öster-
reichischen Jugend, die in der DDR zu Besuch war. Ein Augenzeuge wird zitiert: „Wir haben uns
mit eigenen Augen davon überzeugt […], daß hier in der DDR alles für die Jugend getan wird. Am
meisten hat uns beendruckt [sic!], daß jeder Jugendliche eine gesicherte Zukunft vor sich hat und
daß die Jugendarbeitslosigkeit, unter der die Jugend bei uns so schwer leiden muß, hier ein Fremd-
wort ist. Jeder Jugendliche hat eine gesicherte Berufsausbildung und alle Schwierigkeiten werden
ihm aus dem Weg geräumt, damit er das werden kann, wozu er Lust und Liebe hat.“
Übertragungen des „Romeo und Julia“-Stoffes in den Kalten Krieg 109
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918