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re vor Erscheinen seines Buches die Mechanismen beschrieben, die Westberlin
zu einem Schmarotzer am „Fleiß und der Tüchtigkeit der Werktätigen der DDR“
machen würden, der „von dem Ergebnis des Fleißes und Schweißes der Arbei-
ter“ zehre: „Mögen die Amerikaner mit ihren Bettelpaketen den Eindruck erwe-
cken, als ob die Bevölkerung der DDR hungere – in Wahrheit kommen täglich
zehntausende Westberliner in den demokratischen Sektor, um sich dort satt zu
essen!“47
Helga muss ihre Überlegungen in Bezug auf das westliche System und die
Möglichkeiten, die der Osten bietet, einer Revision unterziehen. Sie beneidet
Heiner insgeheim „um seine Arbeit und um seine Sicherheit“ (RJB 75) und vor
allem, weil er von seinen Eltern unabhängig ist. Ausschlaggebend für Helgas
Hinwendung zum Osten ist die Arbeitslosigkeit im Westen. Nicht nur sie selbst,
sondern alle dem Westen zugeschriebenen Figuren, neben ihrer Freundin Erna
auch ihr Vater Max, der aufgrund der Einführung von Kurzarbeit in seinem
Betrieb entlassen wird, werden im Verlauf der Erzählung arbeitslos:
‚Wie lange soll ich noch herumlungern ohne Ziel […]?‘ Früher hatte sie darüber
gespottet, daß man im Osten weit mehr alte Weiber auf den Straßen sähe als im
Westen. Aber wenn sie jetzt um sich blickte, fühlte sie, daß die Mädchen ihres
Alters nur deshalb die Straßen bevölkerten, weil sie keinen Platz in den Ämtern,
Büros und Betrieben fanden. (RJB 76)
Ein westlicher Rezensent hat an der Erzählung kritisiert, dass Kain es sich mit
der Darstellung der Systemkonkurrenz zwischen Ost und West zu einfach gemacht
und einen Konflikt konstruiert hätte, wie er „auf dem Papier immer wieder, im
Leben jedoch höchst selten so simpel auftauch[t]“.48 Augenscheinlich wird dies
vor allem in der Darstellung der angeblichen ökonomischen Überlegenheit des
Ostens, die auch den hartgesottenen Antikommunisten Max Kowalski dazu ver-
führt, in Ostberlin Schweinskotelett und Bier zu genießen, obwohl seine Maxi-
me lautet: „Ein Sozialdemokrat aus dem Westen kauft nicht im Osten […] sol-
che Geschäfte mit dem Hunger gibt es bei mir nicht.“ (RJB 40)
Die Frage der Versorgung spielte in der innerdeutschen Konkurrenz der fünf-
ziger Jahre eine zentrale Rolle. Die Broschüre SBZ von A bis Z, herausgegeben
vom westdeutschen Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, führt in der
Auflage von 1953 unter dem Stichwort „Lebensstandard“ an, dass das „allgemei-
ne West-Ost-Gefälle […], wie auch der Augenschein bestätigt, immer noch
beträchtlich“ sei, und dass dieses noch deutlicher hervortreten würde, wenn man
47 Franz Kain: Der große Schmarotzer. Westberlin lebt von der Arbeit und dem Fleiß der DDR.
In: Neue Zeit, 3.10.1953.
48 N.N.: Romeo und Julia an der Bernauer Straße. In: Berliner Zeitung am Abend, 11.10.1956.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
110 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918