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ding im Jahr 1929 eine „Abreibung für die KP“ (ebd.) genannt hat, um schließ-
lich beleidigt zu generalisieren: „Ihr seid ja alle gegen mich […]“ (ebd.).
Max Kowalski reagiert auf die Enthüllung der Liebe der Kinder auf dieselbe
Weise wie sein „Feind“ im Osten. Er nennt Heiner einen „Russenknecht“ und
brüllt Helga an, warum sie „nicht gleich auf den Strich“ (RJB 68) gehe. Aus Kowal-
skis ideologisch eingeschränkter Perspektive sind die zwei Generationen von
Schradows gleichzusetzen: „Er arbeitet im Russenwerk in Treptow wie der Alte
[…] er ist nicht besser als der Alte, und so ein Strolch kommt mir nicht ins Haus!“
(RJB 69). Helga erhält Stubenarrest, denn mit „dem Osten wird nicht poussiert“
(ebd.). Deutlich wird mit dieser Aussage die scharfe Abgrenzung zwischen BRD
und DDR, die keinerlei Kontakte, auch nicht den kleinsten Flirt, zulässt.54 Obwohl
das angehende Liebespaar ideologisch aufgeladene „Kosenamen“ gebraucht –
Heiner nennt Helga einen „Spitzbauch“ (der stark hervorstehende Bauch als typi-
sches Zeichen des übersättigten Kapitalisten), sie ihn eine „Ost-Wühlmaus“ (RJB
66) –, bilden ihr Zusammensein und ihre ideologische Annäherung „mitten in
der Millionenstadt, die voller gefährlicher Spannungen knisterte, eine Insel des
Entrücktseins“ (RJB 64). Dies deutet bereits auf das glückliche Ende für Heiner
und Helga, nicht jedoch für ihre Väter, voraus. Denn bei einem Zusammentref-
fen in der Ostzone erweist sich Kowalski, der schlussendlich ebenfalls die Über-
legenheit des Ostens anerkennen muss, als schlechter Verlierer. Er schlägt mit
einem Bierglas auf Schradow ein und wird daraufhin von der Volkspolizei abge-
führt. Immerhin versöhnen sich die Mütter von Heiner und Helga, da sie bisher
„unter der rechthaberischen Halsstarrigkeit ihrer Männer“ (RJB 23) zu leiden
hatten und sich öfter getroffen haben, um über ihre Männer zu klagen.
Folgerichtig endet die Erzählung nicht wie bei Romeo und Julia in Wien tra-
gisch mit dem Tod der Protagonisten, sondern im Sinne der Überlegenheit des
Ostens mit einer Konversion und dadurch „fortschrittlich“. Helga begleitet Hei-
ner in den Osten der Stadt:
‚Gehen wir‘, sagte Heiner Schradow nur. Sie traten, noch unschlüssig, auf die Stra-
ße hinaus. Da legte Heiner Schradow seinen Arm fest um die Schultern des Mäd-
chens, und jetzt überquerten sie langsam, doch ohne Zögern in südlicher Rich-
tung den Damm. (RJB 95 f.)
Die Option, den Osten zum neuen Lebensmittelpunkt zu wählen, liegt hier nicht
nur in der propagierten Überlegenheit desselben gegenüber seinem Widerpart
begründet, sondern wird darüber hinaus verknüpft mit einer Konversions- (Hel-
ga) und einer Entwicklungsgeschichte hin zur „richtigen“ Ideologie (Heiner).
rikanismus im 20. Jahrhundert, S. 133 f.
54 Vgl. Stöver: Der Kalte Krieg, S. 100.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
112 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918