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geheiratet hat, um eine gemeinsame Ausreise in die BRD zu ermöglichen, ruft
sein Schwiegervater die Polizei, von der Karl daraufhin als „Republikflüchtling“
erschossen wird. Ebenso wie in Kains Text sind es auch hier die Väter, die sich
aufgrund ihrer ideologischen Positionen einander nicht annähern können. Karl
glaubt zunächst noch an eine rasche Überwindung des Konflikts zwischen den
verfeindeten Vätern, wenn diese durch eine Heirat erst einmal vor vollendete
Tatsachen gestellt werden. Der Ausgang des Dramas bleibt dennoch tragisch.
Während die Grenze in den bisher dargestellten Variationen des Romeo-
und-Julia-Stoffs zwar als ideologische Trennlinie, aber nicht als Bedrohung vor-
handen ist (vgl. Kapitel
1 Die Grenze), wird das Element der räumlichen Tren-
nung zwischen den Liebespaaren mit dem Mauerbau in Texten west- und
ostdeutscher Autorinnen und Autoren zu einem zentralen Moment der
blocküberschreitenden Liebesgeschichten. Christa Wolfs Roman Der geteilte
Himmel (1963), der sich dem ideologischen System der DDR gegenüber loyal
verhält, aber dennoch Kritik an der Mauer übt, stellt die Geschichte eines Lie-
bespaares, Rita Seidel und Manfred Herrfurth, kurz vor dem Bau der Berliner
Mauer in den Mittelpunkt. Der Chemiker Manfred flüchtet nach Westberlin,
wo Rita ihn aufsucht, jedoch wenige Tage vor dem 13. August 1961 aus Treue
zu ihrer Heimat in die DDR zurückkehrt. Die Studentin Rita stellt ihr Klassen-
bewusstsein über ihr persönliches Glück, dennoch überfordert die Entschei-
dung gegen den Geliebten die junge Frau und sie bricht in den letzten August-
tagen zusammen.57
Auch Uwe Johnson hat in seinem vierten Roman Zwei Ansichten (1965)
das Motiv des durch die Mauer getrennten Liebespaares aufgenommen. Der
Text spielt im Jahr 1961, in den Monaten vor und nach dem 13. August und
fängt die Atmosphäre der geteilten Stadt und des geteilten Deutschland ein.
Hier trennt die Mauer den Fotografen B. von der Krankenschwester D., die
seit einigen Monaten eine Liebesbeziehung unterhalten. D. erlebt den
13. August:
Am nächsten Morgen erklärten die ostdeutschen Sender die Grenzen Westberlins
für gesichert, und die Rundfunksender der verbotenen Stadt übersetzten: daß ihr
Gebiet gesperrt war für alle gewöhnlichen Leute aus Ostberlin und Ostdeutsch-
land, ob einer dort einkaufen wollte oder Freunde besuchen, ins Kino gehen oder
in das Lager für Flüchtlinge und durch die Luft kommen nach Westdeutschland
in die offene Welt und eine andere Art zu leben. […] Sie hatte unter diesem Staat
gelebt wie in einem eigenen Land, zu Hause, im Vertrauen auf offene Zukunft und
das Recht, das andere Land zu wählen. Eingesperrt in diesem, fühlte sie sich hin-
tergangen, getäuscht, belogen; das Gefühl war ähnlich dem über eine Kränkung,
57 Vgl. Liebermann: Die Berliner Mauer in der deutschen Literatur, S. 199–328.
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114 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918