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(SF 30) Auf Alexejs Frage, ob sie in der Partei wäre, antwortet Simone: „Ich sym-
pathisiere. Und ich habe voriges Jahr ein Geburtstagstelegramm an Stalin unter-
zeichnet.“ (SF 30) Darüber hinaus lügt sie ihm vor, sie habe einen Cousin, der
als deutscher Doppelagent für den Maquis gearbeitet habe und sie bedrohe. Auch
bei André und Bernard biedert sich Simone an, indem sie vorgibt, die jeweiligen
Vorzüge ihrer Länder zu schätzen.
Am nächsten Tag eskaliert die Situation zwischen den vier Chauffeuren, ins-
besondere aber zwischen Clam und Alexej. Im Zuge eines „Round-Table-Ge-
sprächs“ zwischen vier Chauffeuren, da „jeder von uns – wie soll ich sagen – an
ihr – interessiert“ ist, wie Bernard konstatiert und es „keine vier Simones, son-
dern nur eine“ gibt, wird sogar eine – wohl nicht ganz ernst gemeinte – Zerle-
gung derselben in „Interessenspären [sic!]“ (SF 71) überlegt, wobei Clams Fra-
ge, ob diese nach „ästhetischen oder physiologischen Gesichtspunkten“ (ebd.),
– was einer Allegorie auf die durch die Alliierten besetzten Städte und Länder
nach 1945 gleichkommt –, zu erfolgen hätte, von Bernard mit Verachtung gestraft
wird. Auch an der Institution Ehe innerhalb der miteinander rivalisierenden
Systeme macht der Grad der Verachtung zwischen dem Russen und Amerikaner
keinen Halt:
Alexej (lacht höhnisch): Ehe, made in U.S.A. Das kennen wir. Scheidung voraus-
bestellt. Da ist Liebe im Stundenhotel ehrlicher und dauerhafter!
Clam: Dirty swine!?
Alexej: Ich riskiere einen Konflikt mit meinen Parteiinstanzen – aber ich werde
Simone nach Russland mitnehmen.
Clam: Und wenn du sie satt hast, lässt du sie ausweisen, wegen mangelnder Treue
zum Fünfjahrplan [sic!].
Alexej: Durak!
Clam: (greift nach der Pistole) Was heisst das?
Alexej: Dirty swine! (SF 73 f.)
Als Clam und Alexej die Causa Simone, die ebenso unteilbar ist „[w]ie der Frie-
de“ (SF 75) mit Waffengewalt lösen wollen, schreitet André beschwichtigend ein.
Simone dagegen zeigt plötzlich kein Interesse mehr an den Vertretern der vier
Großmächte. Sie will abreisen, da sie angeblich ein Mann in ihrem Zimmer über-
fallen und sich an ihr vergangen hat, woraufhin alle vier empört sind: „Die Vier:
(wild durcheinander rufend) Der Schuft! Wer? Der Hooligan? Gott verdamm
mich! Wer? Wer?“ (SF 78) Bedingt durch die Dunkelheit in ihrem Zimmer kann
Simone jedoch über die Identität des Täters keine Auskunft geben, worauf die
Vier in gegenseitige Verdächtigungen ausbrechen und wieder gegeneinander
aufgebracht werden. Es entbrennt Streit, Clam und Alexej beweisen sich im Faus-
tkampf, der jedoch durch die Stimmen der Delegierten über die Sprechanlage
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118 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918