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Gaston repliziert dieselben Phrasen wie Kostja. Er erklärt Kostja, er könne nicht
länger im Westen leben, und beschwert sich darüber, dass er „hier im Westen
die Luft nicht mehr atmen kann“ (F 268):
Ich habe nie der Partei angehört […], ich bin kein Konformist, aber […] ich war
immer sympathisant [sic!]. […] Die Situation war damals nicht reif für den So-
zialismus. Nicht bei uns! Ich bin kein Osteuropäer, er hatte es leicht, ich konnte
nicht nach dem Osten gehen, mein von der Vorsehung gewollter Platz war, wo ich
stand. Wo ich stand, hätte auch jeder andere mit den Hunden geheult. Das ist kein
Verrat an Idealen, das ist ein Akt der nackten Vernunft. Schweigen und warten!
Auch heute noch ist der Sozialismus nicht reif für die Macht bei uns, wirst du
sagen. Richtig. Noch nicht. Aber trotzdem ist da jetzt eine andere Welt. Nicht nur,
weil ihre sozialistische Hälfte so enorm in Macht und Ansehen gestiegen ist – wer
hätte das Tempo vorausgesehen? (F 265)
So hat Marguerite bei dem Zusammentreffen der beiden Männer das Gefühl,
dass das, was „zwischen ihnen in der Luft lag, […] ungut und intim in einem,
hart, eine Mannaffaire [war], ich war mitten in sie geraten“ (F 252). Kostja erklärt,
dass Gaston hergekommen sei, weil er glaube, er wolle ihm Marguerite wegneh-
men, dabei würde es ihm „um eine Sache [gehen], nicht um eine Person“ (F 255),
es wäre nichts „Privates und Romantisches“ (F 254). So unterminiert das Poli-
tische die privaten Verhältnisse der Figuren, insbesondere in der Biographie
Kostjas, der hinsichtlich seiner Beteiligung beim „Aufbau des Sozialismus“ in
Polen erklärt: „Du siehst, wie wichtig das Politische war, wenn das Private sich
meinem Gedächtnis weniger eindringlich –.“ (F 174 f.) Der Briefwechsel mit
Marguerite hat ihm vor allem eine politische Legitimation bei seiner Parteikar-
riere in Polen verschafft:
Legitimation dafür, daß ich nicht ein russisch gesinnter falscher Pole war, son-
dern ein wirklich polnischer, wirklich kommunistischer, diskret anti-russischer
–! Denn das konnte ja doch sonst jeder behaupten. Daß ich offiziell von den Rus-
sen in die polnische Partei eingeschleust worden war, war ja doch eine Belastung,
nicht? (F 174)
Der zweite Kreis der Handlung ist anders strukturiert: Dieser, die Liebesbezie-
hung zwischen Marguerite und Gina betreffend,84 entwickelt sich scheinbar
zufällig und unabhängig von äußeren Faktoren. Gina, die mit einem Juristen
84 Die Thematik einer lesbischen Beziehung war in Deutschland bis Ende der 1950er-Jahre noch
tabuisiert und findet sich nur in wenigen literarischen Texten, u.a. in Marlen Haushofers Eine
Handvoll Leben (1955) und Ingeborg Bachmanns Ein Schritt nach Gomorrha (1961).
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126 3 Romeo und Julia im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918