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System, die ihr Augenmerk besonders auf die Verstrickungen des Individuums
legen.
Innenansichten des totalitären Systems
Die ideologisch-politische Fallhöhe von Bruno Schindler, dem Ich-Erzähler in
Reinhard Federmanns Himmelreich der Lügner, der damit befasst ist, einen auto-
biographischen Bericht über seinen politischen „Entwicklungsprozess“ zu ver-
fassen, ist durch die historischen Hintergründe bereits vorgezeichnet: vom „roten
Helden“ und begeisterten jungen Sozialisten, der als Schutzbündler bei den Feb-
ruarkämpfen 1934 gegen die Machtergreifung der Austrofaschisten kämpfte,
über den hoffnungsvollen Moskau-Emigranten bis zum Verdächtigen während
der großen „Säuberungen“ im Moskau des Jahres 1937 und zum enttäuschten
„heimatlosen Linken“ in der Nachkriegszeit. Anders als Martin Dub gerät Schind-
ler selbst in die Mühlen des totalitären Systems und kann sich vom Terror, des-
sen Folgen er am eigenen Leib spürt, selbst überzeugen.
Der Roman spannt, wie in Kapitel 2 dargestellt, ein zeitgeschichtliches Pan-
orama zwischen 1933 und 1956 auf. Die Schauplätze, an denen Federmann sei-
nen Protagonisten die „Stationen eines großen Passionswegs“51 erleiden lässt,
wechseln und führen über Wien, Brünn und Moskau sowie die Schlachtfelder
des Zweiten Weltkriegs wieder zurück nach Wien. Insbesondere Schindlers Exil
in der Sowjetunion dient Federmann dazu, die stalinistische Terrormaschinerie
zu charakterisieren. Ebenso wie Federmanns Protagonist erging es zahlreichen
„Schützbündlern“, die nach ihrem aussichtslosen Kampf gegen den Faschismus
zwischen 1934 und 1936 aus Idealismus und Begeisterung für den Kommunis-
mus in die Sowjetunion geflüchtet waren und in der Lubjanka endeten, dem
Hauptquartier und Gefängnis des NKWD.52
Schindler exiliert nach den gescheiterten Februarkämpfen in Wien über die
Tschechoslowakei in die Sowjetunion, wo er der Roten Armee beitritt, studiert
und in der Redaktion einer Zeitschrift für Literatur und Politik arbeitet, die er
gemeinsam mit russischen und deutschen Kollegen betreut (vgl. HL 272). Als
Chefredakteur fungiert Paul Heller, der – zuvor überzeugter Sozialdemokrat –
als linientreuer Kommunist nach Moskau gekommen ist, um den „Kampf“ gegen
51 Hans Weigel: Das Buch meiner Wahl. Reinhard Federmann: „Das Himmelreich der Lügner“.
Typoskript. Norddeutscher Rundfunk, Hannover, 7.2.1960.
52 Vgl. Barry McLoughlin, Hans Schafranek: Die Kaderpolitik der KPÖ-Führung in Moskau 1934
bis 1940. In: Hermann Weber, Dietrich Staritz [u.a.] (Hg.): Kommunisten verfolgen Kommu-
nisten. Stalinistischer Terror und ‚Säuberungen‘ in den kommunistischen Parteien Europas seit
den dreißiger Jahren. Berlin: Akademie Verl. 1993, S. 125–147.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
150 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918