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diese Begrüßung auf das heftigste erwidert und die Freunde von drüben in die
Arme geschlossen. (SM 30 f.)
Das war das Vergehen, für das er durch soziale Auslöschung bestraft wurde. Dors
Erzählung nimmt aber am Ende noch eine überraschende Wendung, die freilich
im Rahmen der Verhaltenslehre totalitärer Gesellschaften so überraschend gar
nicht ist. Ohne dass es ihm jemand sagen müsste, weiß der Protagonist, wie er
sich rehabilitieren kann: indem er jemand anderen denunziert. Und diese Tat
ist in diesem System so logisch, so naheliegend, dass er nicht einmal darüber
nachdenken muss. Er beginnt „automatisch“ (SM 35) den Denunziationsbrief
gegen einen Arbeitskollegen, einen Setzer, zu schreiben, dem er politische Sub-
version unterstellt, indem er absichtliche und bedeutungsvolle Druckfehler gesetzt
hätte.
Die Annullierung des Boykotts funktioniert bereits nach wenigen Tagen, als
der Ich-Erzähler wieder in der Redaktion auftaucht. Alles, was aus den Fugen
geraten ist, fügt sich nun umso besser: Der Chefredakteur macht ihm das Ange-
bot, einen großen Feuilletonbeitrag über die Revolution zu schreiben – eine
unausgesprochene Bewährungsprobe für seine Reintegration in das System. Sei-
ne Verlobte und er wollen in eine gemeinsame Wohnung ziehen und heiraten,
und auch eine neue Kartenpartie im Stammcafé wird vereinbart. Die soziale
Integration ist freilich damit erkauft, dass das Opfer zum Täter geworden ist,
das neue Opfer stirbt bei seiner Verhaftung und existiert nur noch in den Alp-
träumen des Helden, mit denen der Text endet.
In Bezug auf die Frage nach der Verortung dieser Erzählung im Kontext des
Kalten Krieges lassen sich nun drei relevante Diskursstränge ausmachen: erstens
die soziale Ächtung als politische Strafmaßnahme, zweitens die spezifische Kaf-
ka-Rezeption und drittens die Frage der totalitären Macht.
1. Zum sozialen Boykott: Das Thema der sozialen Ausgrenzung eines Men-
schen aufgrund einer ideologischen Abweichung verbindet Salto mortale mit
Dors autobiographischem erstem Roman Tote auf Urlaub, dessen besondere
Qualität nach Klaus Amann auch in der „genauen und überzeugenden Darstel-
lung totalitärer Herrschaft, ihrer Strukturen und Techniken“65 liegt. Der Prot-
agonist, der Gymnasiast Mladen Raikow, das Alter Ego des Autors, engagiert
sich im kommunistischen Widerstand gegen die Naziherrschaft in Belgrad. Er
wird verhaftet und brutal gefoltert, verrät jedoch keinen seiner Genossen. Wäh-
rend seiner Haft erfährt er, dass der Partisan Milija aus der jugoslawischen KP
ausgeschlossen wurde, da er die Doktrin von der Unfehlbarkeit der Sowjetuni-
65 Klaus Amann: Milo Dors Roman Tote auf Urlaub und die österreichische Literatur über den
Zweiten Weltkrieg. In: Jacques Lajarrige (Hg.): Milo Dor. Budapest – Belgrad – Wien. Wege
eines österreichischen Schriftstellers. Salzburg, Wien: Otto Müller 2004, S. 25–54, hier S. 32.
Darstellungsformen des Totalitarismus 157
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918