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gung mit totalitären Systemen aber seine eigene Logik. Arendt beschreibt die
totale Herrschaft als eine Welt, „in der die von allen anerkannten Regeln des
gesunden Menschenverstandes offensichtlich nicht mehr galten“.68 Die Romane
und Erzählungen Franz Kafkas, den Elias Canetti als „den größten Experten der
Macht“69 bezeichnet hat, stellten für diese irrationale und unheimliche Erfah-
rung von Herrschaft die einprägsamsten Narrative und literarischen Bilder zur
Verfügung. Die ungarische Philosophin Agnes Heller etwa bezeichnet in ihren
Erinnerungen das kommunistische System wörtlich als „kafkaeske Welt“, in der
man nie wissen konnte, „worin das Verbrechen bestand, das man gerade began-
gen hatte“.70
Michael Rohrwasser hat darauf hingewiesen, dass im Kalten Krieg insbeson-
dere Kafkas Romanfragment Der Prozess „als politische Parabel oder als pro-
phetischer Roman des Totalitarismus gelesen und verstanden worden“ ist: Der
Prozess wurde „im Schatten der totalitären Systeme als politischer Prozess ent-
ziffert, der Verweis auf Kafka ist konnotiert mit Nationalsozialismus oder Sta-
linismus, und die Unschuld von Josef K. scheint damit festgeschrieben“.71 Der
russische Literaturwissenschaftler und Übersetzer Efim Etkind berichtet, dass
vor seiner Veröffentlichung im Moskauer Staatsverlag (1965) Kafkas Prozess
bereits als Samisdat-Druck ohne Angabe des Autors verbreitet wurde: „Die meis-
ten sowjetischen Leser haben ihn zweifelsohne für ein gut getarntes Werk eines
einheimischen Autors gehalten, der seinen Namen wegen der klar ausgeprägten
sowjetfeindlichen Tendenz nicht verraten wollte. Stellte ‚Der Prozeß‘ nicht in
leicht verschleierter Form die Ereignisse der Terrorjahre 1935, 1937/38 und
1949–1952 in der UdSSR dar? Nur ein Sowjetrusse konnte die Einzelheiten so
genau kennen!“72 In dieser Tradition lässt sich Salto mortale nicht nur als Kaf-
ka-Adaption, sondern auch als eine explizit politisierende Kafka-Interpretation
verstehen, indem die Erzählung behauptet, dass das alptraumartige Geschehen
des ersten Teils eine politische Ursache hat, dass die scheinbar unerklärlichen
Vorgänge durchaus zu erklären sind, wenn der Blick auf das zugrunde liegende
Herrschaftssystem gerichtet wird. Nicht zuletzt Dors persönliche Boykotterfah-
rung stünde dann als Beleg dafür ein, wie realistisch das Kafkaeske sein kann.
68 Arendt: Elemente und Ursprünge, S. 580.
69 Elias Canetti: Der andere Prozeß. Kafkas Briefe an Felice. München, Wien: Hanser 1984, S.
76.
70 Agnes Heller: Der Affe auf dem Fahrrad. Eine Lebensgeschichte. Berlin, Wien: Philo 1999,
S. 126.
71 Michael Rohrwasser: ‚In Sibirien verstehen wir Kafka besser‘. Franz Kafka und der Kalte Krieg.
In: Michael Hansel, Michael Rohrwasser (Hg.): Kalter Krieg in Österreich. Literatur – Kunst
– Kultur. Wien: Zsolnay 2010, S. 153–167, hier S. 154.
72 Efim Etkind: Franz Kafka in sowjetischer Sicht. In: Claude David (Hg.): Franz Kafka. Themen
und Probleme. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1980, S. 229–237, hier S. 229 f.
Darstellungsformen des Totalitarismus 159
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918