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die die verzweifelte Situation des Funktionärs, ja des Totalitarismus überhaupt
verdeutlicht“,82 wie Wolf Jobst Siedler in einer Besprechung festgestellt hat. Dvor-
sky versucht Dub mit „einer verführerischen Mischung aus Nachsicht und Über-
zeugungskraft“ (ZB 285) umzustimmen und legt ihm auseinander, dass seine
unerbittliche Gegnerschaft gegenüber dem Kommunismus sich aus denselben
Dogmen herleitet, die er eigentlich bei den Kommunisten verortet: „Ist dir noch
nie aufgefallen, Martin, daß du im Grund genau so borniert bist wie irgendein
kommunistischer Phrasendrescher? Daß die Dogmatik, die du den Kommunis-
ten vorwirfst, im Grunde bei dir liegt?“ (ebd.) Martin Dub erkennt in der Dia-
lektik seines ehemaligen Freundes aber auch „etwas ungewohnt Drängendes und
ungewohnt Verhemmtes, etwas Ängstliches beinahe“ (ebd.), indem er, was das
kommunistische Regime betrifft, auf „eine ganz bestimmte Weise recht behal-
ten“ (ebd.) will und, aufgrund seiner eigenen Unsicherheit die Bestätigung durch
Dub wünscht. Für Dvorsky darf es nicht mehr die Möglichkeit einer individu-
ellen Entscheidungsfindung geben, und die Existenz des anderen wird als Bedro-
hung empfunden.
Der Schriftsteller und Journalist Peter de Mendelssohn, der sich 1950 in einem
Essay mit der „Versuchung des Intellektuellen“ auseinandergesetzt hat, kommt
zu dem Schluss, dass es für den Intellektuellen die „Chance seines Lebens“ sein
kann, sich dem Totalitarismus zu ergeben, „die Chance, die Hebel zu betätigen,
und zwar nicht nur ungestraft, sondern in der Gewissheit, lautes Lob für eine
scheinbar mutige Tat zu ernten“.83 Dies trifft vor allem auf die Figur des Bruno
Stern in Joseph Wechsbergs Roman Der Stalinist zu, die von der Konzeption Jan
Dvorsky ähnelt, jedoch noch stärker überzeichnet ist. In Wechsbergs Roman,
der zunächst im Jahre 1954 auf Englisch unter dem sprechenden Titel The Self-Be-
trayed im New Yorker Verlag Knopf erschienen ist, werden Karriere und Psy-
chogramm eines linientreuen Stalinisten entworfen und aus der Perspektive des
Ich-Erzählers Jacques Willert, der Züge des Autors trägt, dargestellt. Der Ort der
Handlung ist eine nicht näher bezeichnete Industriestadt in Mähren (vermut-
lich Ostrau). Der Text spannt ein weites zeitgeschichtliches Panorama, das mit
dem Jahr 1919 einsetzt und bis Ende der 1940er-Jahre reicht. Die Erzählstruktur
des Romans ist jedoch eher elliptisch und gerafft. Die Nachkriegszeit nimmt die
zweite Hälfte des Romans ein, wobei der Besuch Willerts in seiner ehemaligen
Heimatstadt, die nun Hauptstadt des kommunistischen Regimes geworden ist,
hinsichtlich der Fragestellung der Verführbarkeit des Intellektuellen am ergie-
bigsten ist. Seinem persönlichen Schicksal widmet der Ich-Erzähler nur wenige
82 Wolf Jobst Siedler: Die Freiheit der Entscheidung. Zum Werk Friedrich Torbergs. In: Der
Monat 6 (1953) H. 55, S. 77–81, hier S. 80.
83 Peter de Mendelssohn: Versuchung des Intellektuellen. In: Der Monat 2 (1950) H. 22/23,
S. 384–386, hier S. 386.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
164 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918