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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Page - 164 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

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die die verzweifelte Situation des Funktionärs, ja des Totalitarismus überhaupt verdeutlicht“,82 wie Wolf Jobst Siedler in einer Besprechung festgestellt hat. Dvor- sky versucht Dub mit „einer verführerischen Mischung aus Nachsicht und Über- zeugungskraft“ (ZB 285) umzustimmen und legt ihm auseinander, dass seine unerbittliche Gegnerschaft gegenüber dem Kommunismus sich aus denselben Dogmen herleitet, die er eigentlich bei den Kommunisten verortet: „Ist dir noch nie aufgefallen, Martin, daß du im Grund genau so borniert bist wie irgendein kommunistischer Phrasendrescher? Daß die Dogmatik, die du den Kommunis- ten vorwirfst, im Grunde bei dir liegt?“ (ebd.) Martin Dub erkennt in der Dia- lektik seines ehemaligen Freundes aber auch „etwas ungewohnt Drängendes und ungewohnt Verhemmtes, etwas Ängstliches beinahe“ (ebd.), indem er, was das kommunistische Regime betrifft, auf „eine ganz bestimmte Weise recht behal- ten“ (ebd.) will und, aufgrund seiner eigenen Unsicherheit die Bestätigung durch Dub wünscht. Für Dvorsky darf es nicht mehr die Möglichkeit einer individu- ellen Entscheidungsfindung geben, und die Existenz des anderen wird als Bedro- hung empfunden. Der Schriftsteller und Journalist Peter de Mendelssohn, der sich 1950 in einem Essay mit der „Versuchung des Intellektuellen“ auseinandergesetzt hat, kommt zu dem Schluss, dass es für den Intellektuellen die „Chance seines Lebens“ sein kann, sich dem Totalitarismus zu ergeben, „die Chance, die Hebel zu betätigen, und zwar nicht nur ungestraft, sondern in der Gewissheit, lautes Lob für eine scheinbar mutige Tat zu ernten“.83 Dies trifft vor allem auf die Figur des Bruno Stern in Joseph Wechsbergs Roman Der Stalinist zu, die von der Konzeption Jan Dvorsky ähnelt, jedoch noch stärker überzeichnet ist. In Wechsbergs Roman, der zunächst im Jahre 1954 auf Englisch unter dem sprechenden Titel The Self-Be- trayed im New Yorker Verlag Knopf erschienen ist, werden Karriere und Psy- chogramm eines linientreuen Stalinisten entworfen und aus der Perspektive des Ich-Erzählers Jacques Willert, der Züge des Autors trägt, dargestellt. Der Ort der Handlung ist eine nicht näher bezeichnete Industriestadt in Mähren (vermut- lich Ostrau). Der Text spannt ein weites zeitgeschichtliches Panorama, das mit dem Jahr 1919 einsetzt und bis Ende der 1940er-Jahre reicht. Die Erzählstruktur des Romans ist jedoch eher elliptisch und gerafft. Die Nachkriegszeit nimmt die zweite Hälfte des Romans ein, wobei der Besuch Willerts in seiner ehemaligen Heimatstadt, die nun Hauptstadt des kommunistischen Regimes geworden ist, hinsichtlich der Fragestellung der Verführbarkeit des Intellektuellen am ergie- bigsten ist. Seinem persönlichen Schicksal widmet der Ich-Erzähler nur wenige 82 Wolf Jobst Siedler: Die Freiheit der Entscheidung. Zum Werk Friedrich Torbergs. In: Der Monat 6 (1953) H.  55, S.  77–81, hier S.  80. 83 Peter de Mendelssohn: Versuchung des Intellektuellen. In: Der Monat 2 (1950) H. 22/23, S.  384–386, hier S.  386. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 164 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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