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rend des Zweiten Weltkriegs im Widerstand tätig gewesen war und nun als Par-
teikurier dient, in einer Propagandaschlacht des Kalten Krieges als Spion der
Amerikaner dargestellt wird. Schindler verdächtigt Heller, der „Lieferant dieses
famosen Materials“ (HL 479) über Wolf gewesen zu sein, das schlussendlich zu
dessen Tod führt. Schindler, der den Weg des Dissidenten geht und in die BRD
flüchtet, beobachtet die Karriere Hellers mit Verbitterung, der trotz aller Intri-
gen und Lügen „sakrosankt“ (HL 504) bleibt.
Elemente des Totalitarismus jenseits der staatlichen Diktatur
In einem offenen Brief an Albert Paris Gütersloh unterstreicht Herbert Eisen-
reich, dass es eine Selbsttäuschung sei, den Totalitarismus „nur in der bolsche-
wistischen und der faschistischen Ausprägung wahrnehmen und wahrhaben zu
wollen“:
Der Zugriff abstrakter, anonymer Mächte (des Staates, des Kollektivs, der Mehr-
heit, der Interessensgruppen etc.) an die Gurgel des Individuums ist in unseren
scheinbar gemäßigten Zonen weitaus gefährlicher als in den reinen Diktaturen,
weil er hier mit dem frommen Augenaufschlag des Demokraten getätigt wird und
daher sakrosankt ist. Man geht kaum fehl in der Befürchtung, daß beispielsweise
die Zwangs-Krankenkassen in naher Zukunft schon eben so viele Tötungen be-
gangen haben wie die Gestapo oder GPU; denn nicht der Genickschuß, sondern
auch der Amtsweg, wenn er nur mit genügend Fußangeln gepflastert ist, befördert
den Menschen vom Leben in den Tod.100
Eisenreichs Aussage erscheint in diesem Kontext als eine Einebnung der politi-
schen Systeme, wenn er soziale Leistungen des Wohlfahrtsstaates mit den Mas-
senmorden in totalitären Systemen vergleicht. So skurril Eisenreichs Ausfüh-
rungen sich in dieser Hinsicht ausnehmen mögen, er war nicht der Einzige, der
den Vergleich von Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Demokratie
und totalitärer Diktatur wagte. Herbert Marcuse, der in der Studie Der eindi-
mensionale Mensch mit dem Begriff des „autoritären Staates“ ebenfalls den Tota-
litarismus impliziert, argumentiert, dass der demokratische Wohlfahrtsstaat eine
Missgeburt zwischen organisiertem Kapitalismus und Sozialismus sei und die
Industriegesellschaft hin zum Totalitären tendiere. Für Marcuse ist nicht nur die
politische Gleichschaltung der Gesellschaft durch Terror totalitär, sondern auch
die ökonomisch-technische Vereinheitlichung, die durch Manipulation von
100 Herbert Eisenreich: Offener Brief an A. P. Gütersloh (1957). In: Ders.: Reaktionen. Essays zur
Literatur. Gütersloh: Mohn 1964, S. 253–260, hier S. 257.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
172 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918