Page - 173 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 173 -
Text of the Page - 173 -
Bedürfnissen im Kapitalismus entstünde: „Nicht nur eine besondere Regierungs-
form oder Parteiherrschaft bewirkt Totalitarismus, sondern auch ein besonderes
Produktions- und Verteilungssystem, das sich mit einem ‚Pluralismus‘ von Par-
teien, Zeitungen, ‚ausgleichenden Mächten‘ durchaus verträgt.“101
Für Marcuse ist Technik kein neutrales Mittel, das zur Steigerung gesellschaft-
licher Produktivität eingesetzt wird, sondern „ein Medium von gegenständlich
vermittelten Herrschaftsbeziehungen“. Marcuse kritisiert die „technokratische
Willkür“102 und nimmt damit einen Diskurs auf, der bereits in Orwells Nineteen
Eigthy-Four eine zentrale Rolle spielte. Auch wenn der Roman bekanntlich von
„erschütternden Vorgängen in der Sowjetunion wie im Dritten Reich inspiriert“103
war, wurde er in den 1960er-Jahren vielfach auch in dem Sinne interpretiert, als
„befinde sich die westliche Gesellschaft auf dem Weg in eine mittels ‚Gehirnwä-
sche‘ ausgeführten, total manipulierten Welt“.104
Gefahren für die Demokratie gingen auch mit ihrem Kampf gegen den Tota-
litarismus einher:
Dass etwa der Stalinismus in den Vereinigten Staaten dämonisiert wurde,
führte teilweise zur Suspendierung demokratischer Prinzipien, vor allem dort,
wo dies mit dem Kampf gegen den Totalitarismus begründet wurde. So forder-
te etwa das FBI alle Amerikaner auf, Mitbürger anzuzeigen, die sich kommunis-
tischer Aktivitäten verdächtig machten.105 Der „Red Scare“ in den USA, der in
einer hysterischen Verfolgung von Kommunisten in allen Bereichen (von den
Gewerkschaften bis Hollywood) reichte, wurde in Österreich immer wieder kri-
tisiert und in seinen extremsten Ausformungen wie dem McCarthyismus teil-
weise sogar mit totalitären Systemen verglichen. Die Methoden des US-Senators
Joseph McCarthy und seines „House Un-American Activities Committees“ in
der Bekämpfung des Kommunismus kämen „dem Europäer, der die letzten 20
Jahre durchlebt hat, nur zu bekannt vor“106, konstatiert etwa die Redaktion des
Morgen, der „Monatsschrift freier Akademiker“. Im Zeichen dieses Kampfes,
„der doch vor allem ein Kampf gegen den sowjetischen KZ- und Polizeistaat sein
sollte“, bediene sich McCarthy einer „Armee von Spitzeln und Agenten“, die die
101 Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur fortgeschrittenen Industriegesell-
schaft. Neuwied, Berlin: Luchterhand 1967, S. 23.
102 Wolfgang Kraushaar: Von der Totalitarismustheorie zur Faschismustheorie. In: Alfons Söllner,
Ralf Walkenhaus, Karin Wieland (Hg.): Totalitarismus. Eine Ideengeschichte des 20.
Jahrhun-
derts. Berlin: Akademie Verl. 1997. S. 267–283, hier S. 273.
103 Eckhard Jesse: Die Totalitarismusforschung im Streit der Meinungen. In: Ders. (Hg.): Totali-
tarismus im 20. Jahrhundert, S. 9–40, hier S. 22.
104 Ebd.
105 Stephen J. Whitfield: The Culture of the Cold War. 2. Aufl. Baltimore [u.a.]: The Johns Hop-
kins Univ. Press 2005, S. 200.
106 N.N.: McCarthy. In: Morgen 8 (1953) H. 7, S. 2–3, hier S. 2.
Elemente des Totalitarismus jenseits der staatlichen Diktatur 173
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918