Page - 182 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 182 -
Text of the Page - 182 -
In Westdeutschland gab es ähnlich konziperte literarische Versuche, sich mit
den totalitären Systemen in Form von Dystopien zu befassen. In Stalin starb um
vier Uhr morgens (1950) von Curt Riess gibt es nur fünfzig Tage nach Stalins
verfrühtem Tod im Jahr 1950 keinen Ostblock, keinen „Eisernen Vorhang“ und
vor allem keinen Kommunismus mehr.127 In Edwin Erich Dwingers Es geschah
im Jahre 1965 (1957) lösen die alten Bolschewiki einen Atomkrieg aus, scheitern
jedoch an der technischen Überlegenheit der USA, wodurch die Sowjetunion
vom Erdboden verschwindet.
Im Klappentext der Erstausgabe von Basils Roman wird das „Deutsche Welt-
reich“, das die „atomare Austilgung Londons im Frühjahr 1945“ (FW 132) erreich-
te, folgendermaßen geschildert:
Überall, von Irland bis zum Ural, erheben sich SS-Ordensburgen, Zuchtmutter-
klöster, Walhallen der Ariosophen, Napolas (Nationalpolitische Erziehungsan-
stalten) und Untermenschenlager (UmL). Die Juden sind restlos ausgerottet, die
Slawen zu Leibeigenen der Blau-Blond-Rasse geworden, und in den Vereinigten
Gefolgschaften von Amerika (UVSA – United Vassal States of America) herrscht
eine berlinhörige Ku-Klux-Klan-Regierung. Die ‚plutokratischen-bolschewisti-
schen Kriegsanstifter‘ sind längst nach einem in Toledo abgehalteten Schauprozeß
(Vorsitzender: Alfred Rosenberg) durch die Garrotte liquidiert worden. Papst und
Dalai-Lama werden in einer Kölner neurochirurgischen Klinik gefangengehalten
(‚Gott ist eine Krankheit‘).128
Basil bedient sich im Führer typischer Beschreibungselemente der totalitären
Diktatur, die sich durch ein die innere Ordnung bedrohendes Feindbild („Äff-
linge und Tschandalen“), die Machtkonzentration bei einer einzigen Partei (wobei
es innerhalb des Systems Fraktionskämpfe gibt) und die strenge hierarchische
Gliederung der Gesellschaft konstituiert. Das totalitäre System will zwar alle
äußeren Feindbilder (Juden, „Untermenschen“ etc.) vernichten, jedoch ist ihm
sein größter Feind inhärent, nämlich das eigene Zerstörungspotential. Die Frak-
tionskämpfe zwischen „Werwolfbund“ und „Bundschuh“, in Basils Alternativ-
welt die Nachfolgeorganisationen der SS bzw. SA, erzeugen eine Destabilisierung
aus dem Inneren, weil sie nach dem Tod des Führers an die Macht kommen
wollen. Das Ende des totalitären Regimes wird aber schließlich durch ein ande-
ler, Dierk Walter (Hg.): Angst im Kalten Krieg. Hamburg: Hamburger Edition 2009, S. 7–33,
hier S. 8.
127 Hermand: „Was aber bleibet, ist allein das Ich!“. In: Lange, Stuby (Hg.): 1984, S. 116.
128 Vgl. Marcel Atze: Hitler und Holocaust im Konjunktiv. Otto Basils konjekturalhistorischer
Roman „Wenn das der Führer wüßte“. In: Volker Kaukoreit, Wendelin Schmidt-Dengler (Hg.):
Otto Basil und die österreichische Literatur nach 1945. Tradition – Kontinuität – Neubeginn.
Wien: Zsolnay 1998, S. 117–136.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
182 4 Totalitarismus: die innere Geschichte des Kalten Krieges
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918