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res feindliches System eingeläutet: Während Hitlers Begräbnis im Kyffhäuser-
gebirge erfolgt ein atomarer Angriff der Japaner auf das Deutsche Reich:
Was niemand für möglich gehalten hätte, trat ein: mitten im Altreich, auf deut-
schem Boden, waren Kernexplosionen von fürchterlichster Wirkung erfolgt […].
Das Chaos, der Kampf aller gegen alle, war proklamiert, und dieses infernalische
deutsche Chaos hatte sich wie ein Lauffeuer über den Erdkreis verbreitet. (FW
276)
Die letzten Überlebenden der „Herrenrasse“ setzen sich – in einer bitterbösen
Wendung der Geschichte – über die Luftbrücke Bifröst, in der nordischen Mytho-
logie „die Regenbogenbrücke der Alten, die den Himinbjörg mit der irdischen
Welt verband“ (FW 329), in die Arktis ab, wo ihre Überlebenschancen jedoch
nicht nur durch die arktische Kälte, sondern auch durch die Verstrahlung gegen
Null gehen.
In Moskau 1997 hat die Sowjetunion nach nicht weniger als fünf Weltkriegen
ganz Europa mit Ausnahme von England und der iberischen Halbinsel unter
ihre Kontrolle gebracht und dort eine in grimmigen Tönen geschilderte
Gewaltherrschaft errichtet:
Drüben in Europa und in Westasien war eine neue Welt entstanden; Millionen
Menschen hatten den Gastod gefunden und Hunderte von Städten waren in Schutt
und Asche verwandelt worden. Arbeit und Raum gab es nur drüben in Europa,
und die Moskauer Machthaber planten und schufen ganz großartige Dinge; seit-
dem beim sechsten Fünfjahresplan zwölf Millionen Menschen verhungert waren,
ging es immer weiter mit der UdSSR bergauf. […] Auf den Trümmern von Wien
hatte man wieder eine Großstadt, die in ihren Wolkenkratzern fünf Millionen Ein-
wohner beherbergte, gebaut und nachdem man einmal Tirol gründlich mit Chlor,
Senfgas und Zyan zur Vertilgung der verbissen-bigotten und individualistischen
Ureinwohner ‚desinfiziert‘ hatte, konnte man daraus ein Sanatoriumsland für die
Tuberkulosen und Asthmakranken der gesamten Sowjetunion machen. (M 10)
Die düstere Dystopie des Tirolers (!) Kuehnelt-Leddihn stellt die Sowjetunion als
„Musterbeispiel eines jeglichen modernen, antireligiösen und materialistischen
Totalitarismus“129 dar. Wenig überraschend wurde der Roman von der russischen
Militäradministration in Österreich wegen „antisowjetischer Verleumdung“ ver-
129 Johann Holzner, Christine Riccabona: Der Löwe von Lans. Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Led-
dihn. In: Sieglinde Klettenhammer (Hg.): Kulturraum Tirol. Literatur – Sprache – Medien.
Jubiläumsband „150 Jahre Germanistik in Innsbruck“. Innsbruck: Innsbruck Univ. Press 2009.
S. 121–136, hier S. 125. Das totalitäre System in Dystopien österreichischer Schriftsteller 183
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918