Page - 190 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 190 -
Text of the Page - 190 -
Zusammenhang von zeitgenössischer Religionsauffassung und Totalitarismus
und erklärt sich von dem Umstand ‚fasziniert‘, dass die Kirche eine „Wandlung
von der Inquisition zur letzten Zuflucht der persönlichen Freiheit“11 vollzogen
habe. Nichtsdestotrotz erklärt er sich bereit, einen religiösen totalen Anspruch
auf Definitionsmacht im Gegensatz zu einem politischen zu dulden:
Wenn ich einem Gebiet totale Ansprüche zubillige, dann doch eher der Religion
als der Politik. Hier gründet ja die Tatsache, daß Kirche und sozialistische Partei-
politik nicht zusammenfinden. (Ein Burgfriede aber ist möglich.) Jede sozialisti-
sche Partei, die vom Marxismus herkommt, tritt mit totalen Ansprüchen auf. Je
marxistischer, umso totaler.12
Otto Mauer wiederum, Priester und Mitbegründer der Katholischen Aktion
sowie Mitherausgeber der katholischen Zeitschrift Wort und Wahrheit,13
wehrt sich gegen den Totalitarismusvorwurf des antiklerikalen Westens an die
Kirche, der sich im Titel seines Aufsatzes, Rom – ein schwarzes Moskau?, mani-
festiert. Er postuliert einen grundlegenden Unterschied zwischen dem kirchli-
chen Dogma und der politischen Ideologie. Das Dogma beziehe
sich nicht auf die wechselnden Aspekte des Weltlichen, auf das geschichtlich Ver-
änderliche, um es etwa verabsolutierend zu fixieren. Es ist Aussage über das Gott-
verhältnis des Menschen und knüpft an jene Schichte des Menschen an, die, dem
Ewigen zugewendet, selbst unveränderlich, in der Geschichte existiert [...]14
Mauer unterstreicht die Differenz zwischen religiösen und politischen Machtins-
tanzen und grenzt mithin die Kirche gegen beide politischen Systeme des Kalten
Krieges ab, die einer weltlichen, veränderlichen und nicht zuletzt an materiellen
Werten interessierten Sphäre zugehören würden. Auch im Sozialhirtenbrief der
österreichischen Bischöfe 1956 wird diese Abgrenzung der Kirche von beiden
Systemen des Kalten Krieges, die von wirtschaftlichem Machtstreben und einem
‚ungeistigen‘ mechanischen Prinzip bestimmt seien, klar ausgesprochen:
Bei dem Aufbau der modernen industriellen Arbeitswelt sind zwei Systeme her-
vorgetreten, die eindeutig abzulehnen sind. Es sind dies der liberale Kapitalis-
11 Rudolf Henz: Fügung und Widerstand. Wien, Graz: Stiasny 1962, S. 356.
12 Ebd., S. 357.
13 Mauer leitete die Galerie St. Stephan, die moderne, abstrakte Kunst ausstellte, was von christ-
lichen und in ÖVP-Kreisen nicht gern gesehen wurde und stattdessen den kulturpolitischen
Intentionen des CIA entsprach. Vgl. Gerhard Habarta: Frühere Verhältnisse. Kunst in Wien
nach ‚45. Wien: Der Apfel 1996, S. 208 und 308. Vgl. auch Kap. 12.
14 Otto Mauer: Rom – ein schwarzes Moskau? In: Forvm 1 (1954) H. 4, April, S. 15–16, hier S. 16.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
190 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918